Kommentar: Die fatalen Folgen des Titelwahns

Kommentar
Die fatalen Folgen des Titelwahns

Die Promotion muss in Zukunft einzig und allein der Weg in die Wissenschaft sein - und nicht kostenloser Karrierebeschleuniger für Manager und Politiker. Ein Kommentar von Stefani Hergert.
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Es gibt ein Wort, das das ganze Dilemma mit dem Doktortitel in Deutschland ziemlich gut beschreibt: "Türschildforschung". Mehr als 25 000 Doktorarbeiten werden jedes Jahr abgeschlossen - in diesem Bildungsbereich ist Deutschland endlich einmal spitze: 2,3 Prozent eines Jahrgangs schmücken sich mit dem Doktor, OECD-weit sind es gerade einmal 1,5 Prozent. Eine wahre Promotionsflut. Oder eben viel "Türschildforschung".

Im Klartext heißt das: Die Doktorarbeit schreibt so mancher nicht, weil er das Wissen der Menschheit, sondern die eigene Karriere dank des "Dr." auf dem Klingelschild voranbringen will. Geprägt hat den Begriff niemand Geringeres als der Wissenschaftsrat, das wohl wichtigste Wissenschaftsgremium des Landes. Zunächst erst mal nur für die Mediziner.

Doch "Türschildforschung" betreiben nicht nur viele der angehenden Ärzte, zu denen Patienten offenbar per se Vertrauen fassen, nur weil sie die mit "Herr oder Frau Doktor" anreden dürfen. Auch in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften quälen sich etliche nur für die Visitenkarte durch die Doktorarbeit. 2009 gab es in diesen Disziplinen 20 Prozent mehr Promotionen als elf Jahre zuvor. Und das bei insgesamt nicht einmal einem Prozent mehr Dissertationen in diesem Zeitraum.

Nur: Das, was die Doktoranden dabei unter Qualen produzieren, quält Leser oft genauso. Und es bietet wissenschaftlich nicht immer den großen Erkenntnisgewinn, sondern Aufgewärmtes und Zusammengerührtes. Damit muss endlich Schluss sein. Die Promotion sollte einzig und allein denen vorbehalten sein, die sie als Eintrittskarte in die Wissenschaft sehen. Und nicht als Karrierebeschleuniger, den es kostenlos an der Universität gibt.

Warum muss jemand, der mitten im Beruf steht - Politiker oder Manager - promovieren, auf Kosten der Allgemeinheit, mit Ressourcen, die der Hochschule woanders fehlen? Weil es ein bisschen mehr Gehalt bringt, die Karriere beflügelt oder schlicht die eigenen Unzulänglichkeiten ausgleicht? Die Frage darf man sich auch getrost bei Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg stellen, der es über das erste juristische Staatsexamen - aus welchem Grund auch immer - nicht hinausbrachte.

Wenn man einer Verdi-Studie glauben darf, dann bleiben heute neun von zehn Doktoranden nicht in der Wissenschaft. Doch genau dahin muss eine Promotion in Zukunft führen. Alles andere ist reine Ressourcenverschwendung - für Doktorand, Hochschule und Betreuer gleichermaßen. Wenn Professoren die Betreuung ernst nehmen, rauben die Pseudodoktoranden ihnen die Zeit, die sie für die eigene Forschung, für gute Lehre und "echte", also erkenntnisorientierte, Dissertationen dringend brauchen. Es ist wahrlich keine Auszeichnung, wenn hierzulande dreimal so viele Doktoranden extern promovieren - also nicht in den Hochschulbetrieb eingebunden sind - als in den USA. Denn dort zieht man im Doktorandenprogramm nur den wissenschaftlichen Nachwuchs heran. Wer mit dem angelsächsischen Doktor, dem Ph.D., in die Wirtschaft geht, sollte das gut begründen können.

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  • Die Autorin hat überhaupt keine Ahnung. Die pharmazeutischen Industrie (oder auch Automobilindustrie usw.) würde ohne Wissenschaft und Promovierte überhaupt nicht funktionieren. Außerdem bleiben &quot;neun von zehn Doktoranden nicht in der Wissenschaft&quot; weil die Arbeitsbedingung und die Aufstiegschancen an den Universitäten so schlecht sind. Und es ist ja eher so dass nicht Doktoranden den Professoren Zeit rauben sondern die Professoren den Doktoranden Lebenszeit rauben mit schlechten Projekten. Die Wissenschaft wird hauptsächlich durch die Doktoranden vorangetrieben und nicht durch die Professoren.<br/>Die Graduate-Schools sind in Deutschland totaler Schwachsinn. Im angelsächsichen Raum sind sie dazu da die Doktoranden auf unser Diplomniveau zu bringen. In Deutschland halten sie nur unnötig von der eigentlichen Arbeit ab.
    Aber in Bezug auf Mediziner hat sie recht. Die meisten machen eine Doktorarbeit die nicht mal annäherend dem Aufwand einer Diplomarbeit entspricht.

  • Ich stimme meinem Vorkommentator zu. Die Autorin ist hier durcheinander und wahrscheinlich etwas emotional (sprich Neid) geleitet. Ich bin nicht Deutsch, aber ich habe in Deutschland in angewandter Mathematik promoviert und fühle mich hier komplett vor dem Kopf gestoßen durch diesen fast pöbeldem Beitrag.

    Die Promotion ist in der Regel eine unfassbar schwere und mühselige Arbeit, bei der neues Wissen geschaffen wird. Eine Promotion erfolgreich zu Ende zu bringen ist nicht bloß die Eintrittskarte in die Forschungsgemeinde, es ist bereits eine wesentliche Leistung in der Forschungsgemeinde. Als Eintrittskarte könnte man die Diplomarbeit oder entsprechende Examensleistungen betrachten.
    Wer solche Vorarbeit nicht zu leisten vermag, kann nicht ohne Weiteres als kompetent eingeschätzt werden für eine Promotion.
    Ich denke in Fall zG ist *genau* dieser Fehler geschehen. Er hätte nie ausnahmsweise zugelassen werden dürfen!

    Ein Doktorand produziert in der Regel immer unter "Qualen", soll das ein Argument gegen die Knochenarbeit der Forschung sein? Die meisten Forschungsarbeiten werden nur von einer kleinen Menge gleichgesinnter weiterverwendet, soll das etwa ein Argument gegen Spezialisierung sein?

    Die Autorin zitiert eine Studie bei der nur einer von zehn Doktoranden in der Wissenschaft bleiben und schlägt vor, dass nur Doktor werden soll, wer auch in der Wissenschaft bleibt. Wie stellt sich das die Autorin eigentlich vor?! Dass alle Doktoranden an der Uni bleiben und Professoren werden?
    Hat sie nicht begriffen, dass Doktorarbeiten schon selbst Wissen schaffen? Hallo? Die Doktorarbeit ist
    Forschung!

    Wenn es Doktorarbeiten gibt, die nur der Türschildforschung dienen, dann ist das ein Argument dagegen, dass es Universitäten und Professoren gibt, die solche Doktoranden und Doktorarbeiten überhaupt zulaßen! Durchaus, da bin ich gleicher Meinung. Aber die Meinung der Autorin geht schon zu weit. Solche Kommentare erwarte ich von FOX News nicht vom Handelsblatt.

  • Der Kommentar ist enttäuschend, undifferenziert und verunglimpft fahrlässig, pauschal und unnötig Promotionsstudenten als auch den Titel. Da kann nur unzureichende Kenntnis der Realität der Grund sein. Ich selbst forsche als externer Doktorand über ein betriebswirtschaftlich-soziologisches Thema.
    1.) Fr. Hergert schreibt von "Qualen eines Doktoranden", an anderer Stelle von "mühelosen Titeln". Was denn nun? Sie argumentiert willkürlich so, wie es Ihrer Aussage dient. Das ist schon mal nicht wissenschaftlich, sondern populistisch!
    2.) "Auf Kosten der Allgemeinheit". Mag für viele stimmen. In meinem Fall (und auch anderen Fachdisziplinen) verursachen externe Doktoranden nur sehr wenig Kosten für die Hochschule (Betreuungszeit des Doktorvaters + Administration). Ich zahle zudem hohe Studiengebühren. Hochschulen erhalten Gegenwerte durch Forschungsergebnisse.
    3.) Ressourcenverschwendung? Alle Beteiligten erhalten einen Gegennutzen. Solange sie den höher gewichten als den ihrer Opportunitäten (alternative Verwendungen), liegt theoretisch keine Verschwendung vor. Tatsächlich würde sich wohl auch real kein Manager die Qual antun, wenn der erwartete Gegenwert nicht höher wäre.
    4.) Pauschal den inhaltlichen Wert vieler Dissertationen in Frage zu stellen, offenbart tatsächlich große Unkenntnis . Hier mag es Unterschiede geben aber in vielen Fachgebieten bringt die absolute Mehrheit einen Mehrwert. Auch beim Ex-Verteidigungsminister wurde meines Wissens nach nicht in Frage gestellt, dass am Ende gute Aussagen standen.
    5.) Die Wissenschaft leidet (gerade auch in der betriebswirtschaftlichen Forschung) unter irrealen Modellen und Praxisferne. Eine Trennung von Wissenschaft und Wirtschaft zu fordern, ist in diesem Zusammenhang grotesk. Sicher kann sich die Wissenschaft in die Wirtschaft bewegen (im Rahmen empirischer Untersuchungen), hilfreich ist aber insbesondere, wenn Praktiker wissenschaftliche Modelle hinterfragen.

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