Kommentar
Ein Jahr Pegida ist genug

Zu viel Zeit, Hass, Gewalt sind ins Land gegangen, bis der Innenminister bemerkt: Pegida-Anhänger sind harte Rechtsextremisten. Die Ressentiments der Galgenbauer rufen nach lautem Einspruch – und nach harten Richtersprüchen.
  • 167

„Inzwischen ist völlig eindeutig, diejenigen, die das organisieren, sind harte Rechtsextremisten.“ Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière (CDU), ein Berufspolitiker mit Wahlkreis in Sachsen, hat genau ein Jahr gebraucht, um zu dieser Einschätzung über Pegida zu gelangen. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) legt nach und nennt den Rechtsextremismus in Deutschland besonders gefährlich und brutal.

Viel Zeit, viel Hass, viel Gewalt und viel, viel Volksverhetzung sind seither ins Land gegangen. Zeit, die die „Rattenfänger“ (de Maiziere) für sich nutzen durften, Teile des Volkes gegen Ausländer, Gläubige fremder Religionen, Asylbewerber und Kriegsflüchtlinge aufzuwiegeln. Zu viel Zeit.

Maizières neue Einschätzung, die vielleicht gar nicht so neu ist, aber jetzt erst von ihm öffentlich gegen die Pegida-Aufwiegler ins Feld der Öffentlichkeit geführt wird, kommt also sträflich spät. Und um ein Haar wäre sie just zu jenem Zeitpunkt veröffentlicht worden, an dem eine deutsche Kommunalpolitikerin von einem Rechtsradikalen fast ermordet worden wäre.

Welch ein Glück für Henriette Reker, die designierte Oberbürgermeisterin von Köln, dass das Attentat auf sie am vergangenen Wochenende zwar gelang, aber nicht zum Mordanschlag glückte! Und welch ein Glück für das Land und auch für den Innenminister, der ja für die Sicherheit im Lande zuständig ist, dass die rechten Galgenvögel von Dresden und anderswo nicht auch das noch mit ihrer Volksverhetzung schaffen konnten – und durften.

Nun also gingen sie wieder auf die Straße, diese völlig Unberatenen. Wieder hetzten sie mit Diffamierungen und Hetzparolen gegen alle, die nicht ihrer strammdeutschen Facon entsprechen, gegen alle jene Fremden, die an ein Deutschland glauben, in dem eine Kanzlerin ein Flüchtlingskind auf einem Selfie herzt, in denen viele rechtschaffende Menschen, die Verfolgten und Versehrten, die Vertriebenen und Verjagten helfend begrüßen und in dem sich wackere, rechtschaffende Politiker von rechtsextremistischen Spießgesellen an den Galgen wünschen lassen müssen und verunglimpfen lassen müssen.

Natürlich ist es erst einmal sekundär, „was das Ausland denkt“. Primär ist, mit welcher Geistesmentalität auch die Deutschen sich der humanitären Herausforderung der gigantischen Völkerwanderung stellen. Doch auch, wenn es nur sekundär ist, was das überaus aufmerksame Ausland so alles in diesem unserem Land registriert: Egal ist es nicht, dass sie miterleben müssen, wie hasserfüllt, gewalttätig und böse verächtlich sich Tausende von Deutschen gegenüber Fremden verhalten. Denn es sind ja gerade erst einmal 70 Jahre her, dass solch deutsches Treiben, obgleich in einem unglaublich größeren und damit schlimmeren Ausmaß von eben diesem Ausland von Kalifornien bis Sibirien beendet wurde. Wir selber waren dazu ja nicht in der Lage.

Kommentare zu " Kommentar: Ein Jahr Pegida ist genug"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Danke Peter Krokowski!
    Sie sprechen mir aus der Seele. Die teils hasserfüllten Antworten und Kommentare bestätigen Ihre Aussage umso mehr. Meine Wahrnehmung ist, dass "die da oben" hier für Einige an allem Schuld sind. Am langweiligen Job, an der gescheiterten Ehe, an fehlenden Hobby's oder Freunden... Jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich. Pegida hat von Anfang an den Dialog verweigert - und sich in dieser Rolle sehr wohl gefühlt - und jammert seit einem Jahr rum, dass alles falsch dargestellt wird. Die Ursachen liegen bei Pegida selbst. Hier wieder die anderen für alles verantwortlich zu machen ist typisch für diese Bewegung und deren Anhänger. Und ja, es gibt politische Missstände. Die müssen benannt werden. Niemand leugnet das. Auch wir Gutmenschen nicht. Wie heißt es so schön... Der Ton macht die Musik. Das ist der Unterschied zwischen Kritik und Hetze!

  • Liebe Leser. Die Kommentarfunktion ist geschlossen. Leserbriefe und interessante Beiträge zur Debatte nehmen wir gerne unter debatte@handelsblatt.com entgegen. Beste Grüße aus der Redaktion.

  • Lesen Sie Michele Houellebecq "Die Unterwerfung". Dieser literarisch hochwertige visionäre Roman des französischen Schriftstellers ist Anfang diesesJahres erschienen und gibt Antwort auf Ihre Fragen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%