Kommentar
Grüne auf Volkspartei-Kurs

Ihre Mega-Erfolge bei den Wahlen verdanken die Grünen dem Japan-GAU. Doch nun haben sie Chancen, tatsächlich zu dem heran zu wachsen, was ihnen seit einiger Zeit viele schon andichten: zur Volkspartei. Ein Kommentar von Barbara Gillmann
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Nach einem sehr langen Marsch setzen die Grünen nun zum Sprung an: Ausgerechnet im konservativen Südwesten der Republik könnte der grüne Super-Realo Winfried Kretschmann nun Ministerpräsident werden. Er war dabei, als sich die Grünen im Januar 1980 in Karlsruhe gründeten, nun hat der Wertkonservative die Macht erobert.

Damit beginnt eine neue, eine dritte  Ära für die Grünen, die Dritte. Erst waren sie die Daueroppositionellen, dann die Juniorpartner - zuletzt sogar bei den Schwarzen. Nun werden sie selbst regieren. Damit haben die deutschen Ökos die weit älteren Liberalen auf die Plätze verwiesen, sie sind zur dritten Kraft in der Republik geworden.

Natürlich verdanken sie die Mega-Erfolge in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz dem Atom-Unglück von Fukushima. Doch nun haben sie Chancen, tatsächlich zu dem heran zu wachsen, was ihnen seit einiger Zeit viele schon andichten: zur Volkspartei. 

Es ist kein Zufall, dass es ausgerechnet einem wie Winfried Kretschmann gelingt, der von Anfang an in der rechten, realpolischen Ecke der Ökopartei stand.  Es ist auch kein Zufall, dass es im grünen Stammland Baden-Württemberg passiert ist: Zu sehr regiert hier seit vielen Jahren das Wertkonservative auch bei den Grünen, zu schwach ist hier die einstige Arbeiterpartei SPD.

Jetzt bricht für die Grünen die Ära der großen Verantwortung an. Sie müssen nun beweisen, dass sie nicht nur mitmachen, sondern anführen können. Das heißt in Baden-Württemberg vor allem: Sie müssen die ökologische Wende und die Pflege der Wirtschaft in Einklang bringen.

Und sie müssen zeigen, dass sie bereit sind, für den Bau neuer Ökostrom-Kabel auch den Krach mit den Naturschützern in den eigenen Reihen riskieren.

Daneben muss Kretschmann zeigen, wie er es mit der Haushaltsdisziplin hält, die er sehr lange vertreten hat. Die Versuchung wird groß sein, zusammen mit den Sozialdemokraten mehr Schulden zu machen. Doch es ist etwas anders, ob eine Juniorpartei einen Schuldenkurs nur mitmacht _ wie in Nordrhein-Westfalen - oder ob sie als Seniorpartner die volle Verantwortung für finanzpolitischen Schlendrian übernimmt.

31 Jahre lang hat Winfried Kretschmann für die Grünen im Ländle gekämpft - immer wieder auch gegen die Fundamentalisten in den eigenen Reihen. Nun ist der 62jährige zu ihrem wichtigstem Aushängeschild geworden.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin

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  • Den Teufel in Gestalt hat Mappus dazugelegt, die ENBW
    Hat denn die ENBW volle Rücklagen für die Stillegung der Kernkraftwerke angelegT oder muß das über das Ergebnis der EN-BW und Staatshaushalt und Streompreise bezahlt werde,
    so wäre das ein richtiges scharzes Ei des Mappus

  • Nur weil die ehemalige Volkspartei SPD auch so knapp um die 20 bis 25 Prozent holt, werden die Grünen mit 24 Prozent wohl kaum zur Volkspartei, denn ohne den frisch aus Japan herüber gewehten German-Atom-Angst-Bonus dürften sie wohl eher so bei 10 bis 15 Prozent liegen. Die Versöhnung von Energiewende und "Pflege der Industrie" wird kaum gelingen, zumal der Ökostrom-Hype bei den Wutbürgern ganz schnell wieder in Ungnade fällt, wenn die wahren Kosten zu Tage kommen, gern auch in der Währung Arbeitsplätze. Und was das grün-rote Experiment etwa für die Autoindustrie bedeudet, werden wir bald erfahren - hat nicht Herr Kretschmann bereits angekündigt, dass er die Produktion und den Export von Luxuslimousinen eher pfui findet? Dann viel Spaß bei Daimler, Porsche und Bosch... Und die Frage, ob grün-rot die Schuldenorgie der Vorgänger-Regierungen fortsetzt, dürfte wohl eher rethorisch gemeint sein, oder? Meine Prognose: Baden Würtemberg wechselt demnächst von der Einzahlerseite im Länderfinanzausgleich auf die Nehmerseite - und die Grünen werden ungefähr so zügig entzaubert wie in Hamburg, Fundis hin oder Realos her. Wettet jemand dagegen?

  • Die unerfahrenen Sieger
    Endlich gibt es jetzt einen Politwechsel in Baden Württemberg. Eine politische Zäsur nannte Claudio Roth den Erfolg der Grünen, einem Erdrutsch gleich schob Andrea Nahles von der SPD nach. Und im Rausch der Gefühle sprechen die politischen Sieger schon von einem Paradigmenwechsel. Superlative lassen grüßen.

    Alle glauben ernsthaft sie hätten jetzt die Macht bekommen. In Wirklichkeit haben sie temporär nur eine Regierung erhalten. Unerfahren wie sie sind müssen sie jetzt die Probleme lösen, die ihnen die Vorregierung hinterlassen hat. Und dazu ohne jede wirkliche Amtserfahrung. Das ist ungefähr so als würde in einem DAX Unternehmen der Vorstandvorsitzende durch einen Abteilungsleiter ersetzt. Aber vielleicht wachsen sie mit den Problemen. Wenn nicht sind sie in vier Jahren wieder auf der Oppositionsbank. Mal sehen was drauf haben.

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