Kommentar
Westerwelle geht, um zu bleiben

Guido Westerwelle bleibt nicht FDP-Chef. Mit seiner Ankündigung zieht er die Konsequenz aus der Distanzierung der FDP-Spitze von seiner Person. Ein Kommentar von Handelsblatt-Redakteur Thomas Hanke.
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BerlinWarum hat Westerwelle nicht die Gremiensitzung am Montag abgewartet, um eine saubere Übergabe mit seinen potenziellen Nachfolgern zu vereinbaren? Ganz einfach: Er möchte unbedingt Außenminister bleiben. Seine Herausforderer haben noch nicht klargemacht, ob und wie sie nicht nur den FDP-Vorsitzenden, sondern auch den Außenminister Westerwelle loswerden wollen und können.

Wer würde ihm nachfolgen? Wer traut sich? Wer unterstützt die Totaldemontage des Schuldigen für die FDP-Blamage bei den jüngsten Wahlen? Das alles zu klären und abzustimmen kostet Zeit. Westerwelle, ein Profi der Parteitaktik, hat dies als Chance für sich erkannt und versucht, Fakten zu schaffen, indem er einfach sagt: Ich bleibe Außenminister.

Traut sich die Riege der Jüngeren, dagegen anzugehen? Zu wünschen wäre es. Rücktritt als FDP-Chef, aber am Amt des Minister festhalten - das wäre eine abenteuerliche Vorstellung. Akzeptiert die FDP das, signalisiert sie dem Bürger: Für die Partei ist Westerwelle zu schlecht. Als Außenminister ist er aber gut genug.

Das wäre eine Provokation.

Nicht mangelnde Qualitäten als Parteitaktiker, sondern schwere Fehler als Regierender haben schließlich Westerwelles Ansehen und das seiner Partei geschmälert. Die Stichworte sind bekannt: Mövenpieck-Steuer, kein Verständnis für den Ausstieg aus der Schuldenpolitik, keinerlei Einflussnahme bei der Euro-Schuldenkrise, stümperhaftes Agieren in der Libyen-Frage mit der Folge, dass Deutschland nicht an der Seite des Westens, sondern Chinas stand, Hin und Her bei Atomkraft: Das hat die FDP die Sympathie ihrer Wähler gekostet. Und dieser Mann soll weiter der Außenminister der Bundesrepublik sein? Wenn die neue FDP-Führung das vertritt, kann sie Westerwelle auch wieder den Parteivorsitz andienen. Da kann er weniger Schaden anrichten.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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  • Eine kleine Anmerkung zur Rechtschreibung: Heißt es "Mövenpieck" oder "Mövenpick"?

  • Genau ins Schwarze getroffen. Rücktritt als FDP-Chef, aber am Amt des Minister festhalten - das wäre wirklich eine abenteuerliche Vorstellung. Es bleibt zu hoffen, dass die neuen Grössen der FDP der logischen Konsequenz aus der Misere folgen und entsprechende Maßnahmen einleiten. Bekanntlich werden wir uns noch ein Paar Tage gedulden müssen. Sonst wäre es wirklich vernünftiger Herrn Westerwelle lieber als Vorsitzenden der FDP zu belassen.

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