Kommentar zum Arbeitskampf
Warum der Kita-Streik die Falschen trifft

Ja, die Erzieher und Erzieherinnen verdienen eine bessere Entlohnung. Sie leisten wertvolle Arbeit. Der aktuelle Streik der Gewerkschaft Verdi trifft aber vor allem die Eltern. Und damit die Falschen. Ein Kommentar.
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Um es gleich vorweg zu sagen: Ich liebe unsere Kita! Ich schätze die tägliche Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher vor Ort. Wie liebevoll sie dort mit den Kindern umgehen, wie kreativ sie mit den Kleinen basteln und ihnen geduldig immer wieder das gleiche Buch vorlesen – Respekt!

Und ja, ginge es nach mir, dann würde jede einzelne Mitarbeiterin mehr verdienen als das, was am Ende des Monats tatsächlich auf ihrem Konto landet. Die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher in den (nicht nur städtischen) Kindertagesstätten ist unglaublich wertvoll – dass sie nun versuchen, mit Streiks darauf aufmerksam zu machen, was sie leisten und wie schlecht sie dafür entlohnt werden, dafür habe ich Verständnis.
Ich habe deswegen auch immer freundlich genickt, wenn wir (inzwischen drei Mal!) darüber informiert wurden, dass „morgen wieder Streik“ sei, wir also selbst für die Betreuung unserer Tochter sorgen müssen. Zum Glück gibt es in unserer Familie eine Oma, die – auch kurzfristig – einspringen kann. Und wenn die Oma selbst mal Termine hat, können Papa oder Mama einen Tag zu Hause bleiben, ohne dass der Arbeitgeber gleich nervös wird.
Ich weiß: Viele andere berufstätige Eltern haben dieses Privileg nicht. Und auch bei uns könnte es problematisch werden, wenn der Nachwuchs mehrere Tage hintereinander zu Hause bleiben müsste. Mir wird deswegen ganz anders, wenn ich höre, dass Verdi-Chef Bsirske mit „unbefristeten Kita-Streiks“ droht. Denn dieser Streik – so berechtigt er auch sein mag – er geht allein zu Lasten der Eltern.

Und das in mehrfacher Hinsicht: Eltern, die ihre Kinder in städtischen Kitas untergebracht haben, haben nicht nur das Problem, die Tage (oder gar Wochen?) überbrücken zu müssen, in denen die Kita bestreikt wird. Sie bezahlen auch für eine Leistung, die sie nicht erhalten. Und das nicht zu knapp: In vielen Städten und Gemeinden kostet gerade die U-3-Betreuung jeden Monat eine schöne Stange Geld. Geld, das die die Eltern in den allermeisten Fällen nicht zurückbekommen, denn Streik ist „höhere Gewalt“, wie mir ein Sprecher der Stadt Düsseldorf bestätigte.
Für viele Eltern könnte ein unbefristeter Streik also richtig teuer werden. Vor allem für jene, die für die Streiktage kurzfristig eine Tagesmutter engagieren müssen, um die Betreuungslücke zu schließen.
Die Städte und Gemeinden als kommunale Träger der Kindergärten hingegen sparen, je länger ein Kita-Streik dauert. Das ist das eigentlich Perfide: Jeder Tag, an dem sich das Kita-Personal im Ausstand befindet, wird aus der Streikkasse der Gewerkschaft finanziert. Die öffentlichen Arbeitgeber kürzen das Gehalt entsprechend. Am Ende des Monats müssen sie ihren Angestellten weniger überweisen als sonst. Unter dem Strich heißt das: Die Städte verdienen an den Streiks sogar. Schließlich haben die Eltern bezahlt.
Der Kita-Streik, den Verdi vorantreibt, geht also in erster Linie nicht zu Lasten der öffentlichen Arbeitgeber, die er eigentlich treffen sollte. Er geht zu Lasten der Eltern und der Unternehmen, für die diese arbeiten. Das ist ungerecht – und trägt sicher nicht dazu bei, dass die betroffenen Eltern weiterhin freundlich nicken, wenn ihnen wieder ein neuer Streik angekündigt wird. Die Gewerkschaften sind daher am Zug: Sie sollten den Eltern Möglichkeiten aufzeigen, wie sie sich mit den Erzieherinnen solidarisieren können. Nur so trifft es am Ende tatsächlich die Richtigen.

Tina Halberschmidt, Social-Media-Redakteurin
Tina Halberschmidt
Handelsblatt / Teamleiterin und Redakteurin Social Media

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  • Frau Halberschmidt irrt, denn für jeden Tag an dem dein Kind nicht von der Kita betreut (besser: gebildet und erzogen) wird - gerade beim Streik - können die Eltern den Elternbeitrag vom Träger (hier die Kommune) zurück verlangen. Ich war lange Kita-Elternvertreter und mitbegründer der Kita-Landeselternvertretung Nds. Bleibt die Frage, wie sich pädagogische Fachkräfte mit ihren berechtigten Forderungen durchsetzen können, ohne zu streiken, insbesondere wo sich z.Z. der kommunale Arbeitgeberverband total stur stellt. Streik muss dem Tarifgegner weh tun um erfolgreich zu sein. Am besten die Eltern fordern den Kommunalen Arbeitgeberverband, angefangen beim Stadtrat vor Ort, auf, den berechtigten Forderungen der streikenden sozialpädagogischen Fachkräfte nach zu kommen. Eltern sind die natürlichen Partner im Arbeitskampf der ErzieherInnen.

  • Wir als Eltern sind vom Streik besonders betroffen und können nicht verstehen, wieso die Konfliktparteien sich nicht einigen können. Verdi schreibt auf einer seiner Webseiten : „Sie streiken nicht gegen die Kinder und deren Eltern – es geht gegen die verantwortungslose Verweigerungshaltung der öffentlichen Arbeitgeber.“
    Quelle: http://bayern.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++fb2c6488-df4d-11e4-bc65-525400248a66

    Da kann man nur den Kopf schütteln, denn betroffen sind immer die Kinder, die Eltern und ihre Arbeitgeber, die Angehörigen und Freunde. Sollen die Streiks bis Mitte Mai und darüber hinaus, vielleicht sogar unbefristet, weitergehen? Wir fordern die Konfliktparteien auf, konstruktiv nach einer Lösung zu suchen!

  • Sehr gelungener Kommentar! Und ja, es gibt einen großen Unterschied zur Bahn und zur Lufthansa. Denn dort trifft der Streik das bestreikte Unternehmen im großen finanziellen Umfang. Jeder Streiktag kostet den Arbeitgeber Millionen durch den entgangenen Gewinn. In diesem Streik trifft es den Arbeitgeber finanziell gar nicht. Im Gegenteil, die Streiktage kann der Arbeitgeber an Lohn noch einbehalten. Hier sind die Eltern die Leittragenden. Die anderen Kommentare können eigentlich nur von Leuten ohne betroffene Kinder kommen. Es ist ja nichts gegen die Forderung zu sagen, aber hier werden die Eltern für einen Kampf herangezogen, der gar nicht ihr Kampf ist.

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