Kommentar zur AfD-Krise
Pyrrhussieg für Lucke

Der geplatzte AfD-Parteitag verschafft Bernd Lucke im parteiinternen Machtkampf eine Atempause. Doch selbst wenn er die Oberhand behält, ist seine Partei noch nicht gerettet. Daraus könnten andere Kapital schlagen.
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BerlinAuf eines kann man sich bei der AfD verlassen – egal, was ihre Akteure in die Hand nehmen, es endet im Chaos. Dass der Bundesparteitag Mitte Juni nun abgesagt wurde, war zu erwarten. Die Delegierten-Aufstellung in Nordrhein-Westfalen, Hessen und dem Saarland verlief alles andere als sauber - auch wenn die Parteiführungen in den Landesverbänden etwas anderes behaupten.

Aber genau das ist das Problem dieser jungen Partei, wenn sich Möchtegern-Karrieristen wie der NRW-Landeschef Marcus Pretzell mit Intrigen den Weg nach oben bahnen – ohne Rücksicht auf Verluste. Dann werden Warnrufe aus der eigenen Partei einfach abgeschmettert. Und am Ende verabschieden sich diese gemäßigten und überlegt Handelnden von ihren Posten oder sie kehren der Partei gänzlich den Rücken.

AfD-Bundeschef Bernd Lucke dürfte sich in seiner Beurteilung der Lage seiner Partei durch die aktuellen Vorkommnisse bestätigt fühlen. „Wem es mehr um das eigene Fortkommen als um politische Inhalte geht, der paktiert auch mit den Falschen, wenn dies die Gelegenheit schafft, vermeintliche Konkurrenten aus dem Wege zu räumen“, analysierte er jüngst.

Lucke nannte zwar keine Namen, aber es ist nicht schwer zu erraten, dass ihm insbesondere Pretzell ein Dorn im Auge ist. Der NRW-Landeschef gehört zu den erbittertsten Gegnern Luckes und wurde jüngst von Sitzungen der AfD-Gruppe im EU-Parlament ausgeschlossen, weil er Interna an die Presse weitergegeben haben soll. Dass die Wortführerin des nationalkonservativen Parteiflügels, Frauke Petry, trotzdem zu ihm hält, könnte ihr jetzt auf die Füße fallen.

Petry war an dem Chaos der Delegierten-Wahl in NRW als Versammlungsleiterin beteiligt. Die sächsische Landes- und Fraktionschefin hätte gern Lucke auf dem Kasseler Parteitag Mitte Juni abgelöst. Deshalb tingelte sie die vergangenen Wochen auch zu diversen Landesverbänden, um sich Mehrheiten zu sichern.

Doch das Bundesschiedsgericht der Partei machte ihrem Vorhaben nun einen Strich durch die Rechnung. Ihr Wunschparteitag ist geplatzt – und stattdessen soll nun Ende Juni ein Parteitag stattfinden, zu dem nicht Delegierte, sondern Parteimitlieder eingeladen werden. Das kommt Lucke entgegen, da nun nicht von vornherein feststehen kann, in welche Richtung sich der Machtkampf entscheiden könnte.

Freilich gibt die neue Lage nur auf den ersten Blick Rückenwind für Lucke. In Wahrheit verschafft sie ihm eine Atempause. Die wird aber nicht nur er nutzen, um seine Unterstützer einzusammeln. Lucke hat ja bereits auf seinen schwindenden Einfluss mit der Gründung des Vereins „Weckruf 2015“ reagiert. Auch seine Widersacher um Petry werden versuchen, das Schicksal der Partei noch in ihre Richtung zu wenden.

Damit ist eine weitere Destabilisierung der AfD wahrscheinlich, aus der am Ende nicht zwingend Lucke als Sieger hervorgehen muss. Im Gegenteil: Der Wirtschaftsprofessor könnte durch das derzeitige Chaos geschwächt werden – mit dem Effekt, dass die AfD insgesamt ins Hintertreffen gerät und weiter Richtung Untergang rückt. Der große Profiteur wäre dann wohl die FDP, weil sie von bürgerlichen, wirtschaftsliberalen Wählern dann doch als die bessere Alternative angesehen wird.

Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik

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  • Der Kommentator irrt, wenn er schreibt, dass das Bundesschiedsgericht der AfD den BPT in Kassel gestoppt hat. Es war eine 4 zu 3 Entscheidung. Luckes Anhang ist zwar dramatisch geschrumpft, aber mit seiner 1 Stimme Mehrheit wurde seine drohende, totale Demontage in Kassel, zunächst verhindert.

  • "Zerriebener EU-Staatenbrei" als Nahrung für Amerika zu deren Sanierung vorbereiten - das ist die Aufgabe von EURO und Frau Merkel.

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    Merkels-Bürger-Klaps-Mühle:

    http://www.tagesspiegel.de/images/deutschland-berlin-kulturbrauerei-bundeskanzlerin-angela-merkel-im-dialog-mit-buergern-zum-thema/11857438/2-format14.jpg

    Naiver Minimalismus. "Wenn die Sonne scheint, sind wir alle glücklich".

    Verordnete Naiv-Psychiatrie Deutschland a la Merkel.


    Grinsend in den Toleranz-Abgrund. Amerika wartet schon auf uns deutsche Deppen mit TTIP - da wird "Flüssignahrung in Schnabeltassen" verabreicht .....

  • LESENSWERT:

    "Deutschland leidet unter fremdgesteuerter Politik !"

    https://buergerstimme.com/Design2/2015/05/deutschland-leidet-unter-fremdgesteuerter-politik/

    Deutschland toleriert sich zu Tode. Und das ist durchaus gewollt. Leider leider !

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