Kommentare zur Merkel-Wahl
Auslandspresse: „Deutsche sind zu beneiden“

Die Reaktion der Kommentatoren ausländischer Zeitungen auf die Wahl Angela Merkels reicht von Lobeshymnen bis hin zu starken Zweifeln daran, dass es ihr gelingen wird, den schlingernden und rollenden Tanker Deutschland in ruhigere Fahrwasser zu führen.

„El Mundo“ aus Madrid meint: „Die Bildung einer großen Koalition in Deutschland ruft in Spanien Bewunderung und Neid hervor. Die beiden großen Parteien stellten ihre Einzelinteressen hintan und schlossen sich zusammen, um zum Wohl der Allgemeinheit eine Regierung zu bilden. Die politische Kaste in Deutschland erteilte der Welt eine Lektion. Der große Verlierer Gerhard Schröder war der erste, der sich erhob und Angela Merkel zur Wahl gratulierte. Damit bewies er Größe und Weitblick. Obwohl er bei der Bundestagswahl nicht so schlecht abgeschnitten hatte, zog er es vor, sein Abgeordnetenmandat abzugeben und den Weg zu einer Wachablösung freizumachen. Damit gab Schröder ein Beispiel, wie man es nur selten sieht.“

Das französische Blatt „L'Alsace“ aus Mulhouse schreibt über die Chancen von Angela Merkel: „Ihr persönlicher Stil - weniger theatralisch und weniger hochtrabend als der vieler Politiker - kann sich als Trumpf erweisen, vor allem auch bei den jungen Leuten. Es sei denn, er nutzt sich nach und nach ab und ruft Langeweile hervor. Die Bundeskanzlerin ist dabei in jedem Fall als hartnäckig bekannt. Die Art und Weise, wie sie geduldig und zurückhaltend den Anspruch Gerhard Schröders auf die Macht zurückgedrängt hat, schadete diesem Image nicht. Sie wird genau diese Hartnäckigkeit brauchen, um die Koalition der beiden großen und konkurrierenden Parteien zu führen und ihr Mandat zu einem Erfolg zu machen. Die Frau, die Jacques Chirac an diesem Mittwoch in Paris empfängt, verachtet die Risiken nicht, die ihr Zukunft versprechen.“

Auch „Il Messaggero“ aus Rom bewertet die neue Kanzlerin so: „In Zeiten, die vom Fernsehen beherrscht sind, ist der Stil alles. Die Wesensart von Angela Merkel, die seit Dienstag Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland ist, ist die eigentliche Neuheit einer Regierung, die - ihrer Komposition nach - mit der rot-grünen Vergangenheit bricht, aber die deren Politik mit einigen Verbesserungen fortsetzt. Manche definierten den Ex-Kanzler Gerhard Schröder als letzten Kampf-Macho - wegen seiner verführerischen Art und seiner Aggressivität in den Medien. Das Adjektiv, das am besten zu Merkel passt, ist vielleicht „leise“. Aber das Wort klingt (zufälligerweise) so ähnlich wie „Eisen“.

Die italienische „La Repubblica“ bleibt zurückhaltend: „Eine skeptische öffentliche Meinung, die Sanierung der Wirtschaft, eine schwache Konjunktur, eine hohe Arbeitslosigkeit. Das Deutschland, das Merkel zu regieren beginnt, scheint kein beneidenswertes Erbe zu sein. Mehr öffentliche Investitionen, mehr Steuern, Reformen, die noch zwischen Christdemokraten und SPD vereinbart werden müssen, und zwar im Geiste derer, die Schröder gemacht hatte - all dies soll das Land wieder in Schwung bringen.“

Die französische Zeitung „La Presse de la Manche“ aus Cherbourg schreibt über das deutsch-französische Verhältnis: „Die Bundeskanzlerin tritt ihr Amt mit einer Blitzreise nach Paris an. Staatspräsident Jacques Chirac hatte seinen alten Freund Gerhard Schröder vorgezogen und damit nicht hinter dem Berg gehalten, so wie seinerzeit François Mitterrand zu Helmut Kohl stand. Innenminister Nicolas Sarkozy wiederum machte sich für Angela Merkel stark. Klar ist, dass die deutsch-französischen Beziehungen bei dem Besuch der Bundeskanzlerin im Elysée-Palast in Paris zwar bekräftigt werden dürften, sie aber dennoch auf niedrigen Touren laufen werden.“

„Le Figaro“ aus Paris befasst sich mit dem selben Thema: „So wie die große Mehrheit ihrer Landsleute ist Angela Merkel von dem entscheidenden Gewicht der deutsch-französischen Beziehungen für die europäische Integration überzeugt. Und auch Frankreich kann nur gewinnen, wenn es sich dabei herausstellt, dass Washington Berlin wieder zuhört und die öffentliche Meinung in Deutschland weit davon entfernt ist, so 'atlantisch' zu denken wie in den Zeiten des Kalten Krieges. Angela Merkel kommt zu einem Zeitpunkt an die Macht, zu dem ihre wesentlichen Partner - Bush, Chirac, Blair, Berlusconi, Putin - sich dem Ende ihrer Amtzeit nähern. In den großen Fragen dürften die wichtigen Entscheidungen auf sich warten lassen. Das gibt ihr Zeit.“

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