Komplexitätskrise
Wie viel Staat brauchen wir wirklich?

Seit dem Beginn der großen Finanz- und Wirtschaftskrise diskutiert die ganze Welt über die neue Rolle des Staates. Wenn wir die Frage vorschnell und falsch beantworten, setzen wir unseren künftigen Wohlstand aufs Spiel. Die einfachsten Antworten sind gewöhnlich auch hier, wie so oft, die gefährlichsten. Mehr Regulierung hilft uns nicht wirklich weiter.
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DÜSSELDORF. Wie eine Erinnerung aus grauer Vorzeit erscheinen uns heute die politischen und ökonomischen Stichwörter der Ära Gerhard Schröder. Dabei sind gerade einmal gut sechs Jahre vergangen, seit der damalige Bundeskanzler seine "Agenda 2010" als Regierungserklärung im Deutschen Bundestag verkündete. Damals verschob sich die Achse der deutschen Politik in Richtung mehr Markt. Sozial- und Christdemokraten wetteiferten um ein höheres Reformtempo. Und die Medien orchestrierten unisono das Hohelied von Globalisierung, Flexibilisierung und weniger Staat.

An der Schwelle zum Jahr 2010, also zum Zieljahr der Schröder'schen Agenda, schlägt das Pendel nun in genau die andere Richtung zurück. Und wieder scheinen sich die politischen Lager genau wie damals seltsam einig zu sein über die politische Tagesordnung der nächsten Dekade. Es geht nur noch um die Details der Agenda 2020, nicht um ihre Grundsätze. Die Finanzkrise selbst, der große globale Gleichmacher, diktiert die neuen Stichwörter zur geistigen Situation unserer Zeit. Sie lauten: mehr Staat, mehr Regeln, mehr Aufsicht, mehr Kontrolle.

Im Nachhinein erscheinen uns die Schröder'schen Reformen fast wie der äußerste Wendepunkt eines globalen Pendelschlags, der mit Margaret Thatcher und Ronald Reagan begann und Deutschland (wie so oft bei geschichtlichen Entwicklungen) erst mit gehöriger Verspätung erreichte. Wollte man das Kampfvokabular der Linken benutzen, so könnte man sagen: Der Neoliberalismus setzte sich bei uns erst durch, als er weltweit bereits zu seinem Ende gekommen war.

Nun also die globale Gegenbewegung - paradoxerweise vorangetrieben in erster Linie durch Angelsachsen aller Couleur. Ausgerechnet aus den Mutterländern des modernen Kapitalismus ertönen heute die radikalsten Forderungen zur Bändigung der Finanzwirtschaft. Wer hätte sich je träumen lassen, dass sich ein amerikanischer Präsident über die "Bonzen an der Wall Street" erregt und ein britischer Premierminister eine konfiskatorische Strafsteuer auf die Boni in der Londoner City erhebt?

Niemand kann heute sagen, wo und wann der neue Pendelschlag seinen Scheitelpunkt findet. Wer in die deutsche Nachkriegsgeschichte zurückblickt, erinnert sich an mindestens drei vorangegangene Phasen etatistischer Versuchung. Unmittelbar nach der Stunde null verwandelten sich 1945 nahezu alle Deutschen in glühende Sozialisten, so dass selbst die Gründungsväter der CDU in ihrem Ahlener Programm für die Verstaatlichung von Grundstoffindustrien und Banken eintraten. Der zweite Schub etatistischer Ordnungsvorstellungen entwickelte sich Ende der sechziger Jahre, als Begriffe wie "Konjunktursteuerung" und "Investitionslenkung" merkwürdig modern und der Neoliberalismus Ludwig Erhards verdächtig altmodisch klangen. Nach der Wiedervereinigung 1990 schließlich erlag die politische Klasse mehr oder weniger geschlossen der Illusion, den Osten Deutschlands mit Staatsmilliarden in eine blühende Marktwirtschaft umwandeln zu können. An den Folgen knabbern wir bis heute.

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Kommentare zu " Komplexitätskrise: Wie viel Staat brauchen wir wirklich?"

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  • @bernhard

    ich schlage nach und teile ihnen die Quelle dann mit. Derzeit komme ich aus familiären Angelegenheiten nicht dazu. bitte ein paar Tage Geduld.

  • Liebe Kommentatoren, jeder beklagt, wie schlecht Deutschland und seine Eliten, Politiker und Führungskräfte mit den Arbeitnehmern und der Demokratie umgehen. ich möchte feststellen: Nach meiner Meinung gibt es keine bessere praktizierte Gesellschafts- und Wirtschaftsform, als die in Deutschland. Es bleibt aber eine immerwährende Aufgabe diese Formen zu verbessern und verständlicher zu machen. Dazu sind wir alle aufgerufen. Und keiner sollte meinen die unmittelbar folgenden Generationen werden bereits Gesellschaftsformen entwickelt haben, in der alle zufrieden sind. ist nicht evtl. der Mensch selbst das Problem!?!

  • Es ist nicht nur eine bankenkrise,sondern eine Krise
    aller westlichen Demokratien.Die Gier vieler der
    sogenannten Führungselite wird viele ins Verderben
    stürzen.Nun wird ja in den Demokratien gewählt,man hatuns gesagt,wir wählen alle Menschen unseres Vertrauens die für die Menschen die Politik gestalten.Kurz gesagt,es ist alles LÜGE ,jeder sollte sich darüber seine Gedanken machen.Wenn alle Volksvertreter seit Jahrzehnten so gehandelt hätten,nämlich für alle Menschen da zu sein,wäre diese katastrophale Lage nie entstanden.Die Gier hat auch dort Einzug gehalten.Wenn die Regierungen der oberste souverain des Staates sind,warum setzt man nicht Grenzen,damit solche Dinge und auch viele andere nicht passieren.Politik und Wirtschaft sind sich eing und gehen gemeinsam gegen das Volk vor.
    ich bin gegen dieses System,wir alle müssen wieder auf die Strasse gehen und rufen, WiR SiND DAS VOLK.
    Lasst uns alle für die Demokratie streiten und das was heute vorhanden ist muss abgeschafft werden,zum Wohle des Volkes.Wer fängt an?

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