Konflikt mit Ukraine
Merkel will Minister nicht zur EM lassen

Der Fall Timoschenko droht für den Gastgeber der Fußball-EM zum diplomatischen Fiasko zu werden. Russland äußert überraschend Kritik, auch die Bundesregierung erhöht massiv den Druck. Kiew ätzt zurück.
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Hamburg/Berlin/Kiew/MoskauBundeskanzlerin Angela Merkel denkt offenbar über einen politischen Boykott der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine nach. Sollte die inhaftierte ukrainische Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko bis dahin nicht freigelassen worden sein, will die CDU-Vorsitzende nach Informationen des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ ihren Ministern empfehlen, den Spielen fernzubleiben. Ungewohnt deutliche Kritik kam auch aus Russland: Präsident Dmitri Medwedew sagte bei einem Treffen mit Menschenrechtlern, die Inhaftierung der Oppositionsführerin sei „völlig inakzeptabel“ und werfe einen tiefen Schatten auf das Nachbarland.

Bislang hatte sich Merkel noch nicht persönlich in dieser Frage festgelegt. In ihre Entscheidung werde natürlich die Entwicklung in der Ukraine und der Fall Timoschenko einfließen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag. Merkel hatte am Freitag zunächst nur erklärt: „Die (Berliner) Ärzte sind der Meinung, dass die Behandlung (von Julia Timoschenko) am besten in einem deutschen Krankenhaus durchgeführt werden sollte. Darum bemüht sich das Auswärtige Amt, und darum bemüht sich auch das Kanzleramt.“ Die unter starken Rückenschmerzen leidende Timoschenko protestiert seit dem 20. April mit einem Hungerstreik gegen ihre Haftbedingungen.

Auch Umweltminister Norbert Röttgen sprach sich offen gegen Besuche prominenter Politiker bei der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine aus. „Es muss unbedingt verhindert werden, dass das ukrainische Regime die EM zur Aufwertung ihrer Diktatur nutzt“, sagte der CDU-Politiker der „Bild“-Zeitung (Montag). „Deshalb finde ich, dass Besuche von Ministern und Ministerpräsidenten zur EM nach jetzigem Stand nicht in Frage kommen. Die ukrainische Regierung sollte Frau Timoschenko sofort in die Freiheit entlassen.“

Die Reaktion auf die Kanzleramts-Äußerungen aus Kiew kam prompt - und deutlich: Die ukrainische Partei der Regionen regierte mit heftiger Kritik auf den vorgeschlagenen Transport von Oppositionsführerin Julia Timoschenko nach Deutschland. Die Kanzlerin habe offenbar für einen Moment „vergessen“, dass sie die Bundesrepublik und nicht die Ukraine regiere, betonte Wassili Kisseljow von der Partei des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch.

Die Äußerungen von Angela Merkel seien eine „ungenierte Einmischung in die inneren Angelegenheiten“ der Ex-Sowjetrepublik, hieß es in einer am Sonntag in Kiew veröffentlichten Erklärung von Kisseljow. Die Kanzlerin fordere zudem „etwas faktisch Unmögliches“ von der ukrainischen Führung. „Unsere Gesetzgebung sieht eine Behandlung von Gefangenen im Ausland nicht vor“, unterstrich der Parlamentarier.

Erkrankte ukrainische Strafgefangene könnten nur an ihrem Haftort behandelt werden. Er sei allerdings unter einer Bedingung bereit, einer Gesetzesänderung zuzustimmen, teilte Kisseljow mit: „Wenn Frau Merkel auch die anderen 150 Frauen aus dem Katschanowka-Gefängnis in ihre Obhut nimmt, die die gleichen Probleme haben wie Julia Timoschenko, und sie zur Behandlung in der Charité unterbringt.“

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  • Kleines Beispiel gefällig?

    Also Golo Mann ...

    Von dem glaubte ich früher, er sei ein rechter Schreiberling, der sich die Geschichte schönredet.

    Früher sah ich das eher aus der Fischer'schen (nicht der, der Historiker ist gemeint) Perspektive des "Zweiten Griffs nach der Weltmacht", die Deutschen sind die Bösen, die anderen die Guten.

    Jetzt habe ich - 30 Jahre später - Mann zugehört und könnte Ihnen aus dem Wissen heraus genau sagen, wo ich ihn für einen Tölpel halte (Noske ist und bleibt ein Idiot!) und wo er recht hat, wenn er einen konservativen Blick auf die Geschichte wirft. Seine Bismarck-Erzählungen sind spannend, seine Perspektive auf den Ausbruch und das Ende von WKI, seiner Analyse des "Schandfriedens" und der allgemeinen Haltung der Deutschen dazu sind präzise und nehmen jedem, der hier herumplärrt jedes Argument, da werde etwas "verschwiegen".

    Okay. Was ist passiert? Früher hat mir jemand in einer zeitung erzählt, was ich von Golo Mann zu halten habe. Heute weiss ich es selbst. Diesen Prozess nennt man Wissenserwerb.

    Was haben Sie den schönes gelesen, bzw. wer hat Sie den auf Ihre Vorstellungen gebracht?

    Haben Sie mindestens drei Gegenmeinungen in Erfahrung gebracht? Zugehört? Nicht ständig "dazwischen- und dagegengedacht"?

    Das nur als kleine Anregung, wie man Wissen erwirbt und wofür das gut ist. Das mit dem HR und dem DLf geht ganz leicht. Lernen Sie einfach mal, die Meinung anderer einfach so _auszuhalten_, statt allen andern zu beweisen, daß Sie RECHT HABEN.

    Man kann nicht "Recht haben", wenn man nichts _weiss_.

    Übrigens sind Rosendorfer (1860 Jahre deutscher Geschichte) und Golo Mann (Deutsche Geschichte) solide, auch wenn Rosendorfer ein Muslim- und Katholenhasser vor dem Herrn ist und Golo Mann die Geschichte aus den 70ern des letzten Jahrhunderts erzählt.

    Nachher wissen Sie wenigstens, wie deutsche Geschichte funktioniert und verstehen, daß Bismarck Schuld ist an Ihrer "Rechthaberei" ;-)

  • Hardie67

    >> "Leute wie Sie"

    Ach, Hardie67, wie wollen Sie ernsthaft wissen, wie "Leute wie" ich so sind, was wir denken, was wir so treiben. Das ist nur eine "Projektion".

    Sie wissen, was das ist, eine "Projektion"?

    Der Mensch ist ja dazu verdammt, nicht zu wissen, was der andere denkt oder weiss. Er kann sich das nur aus dem eigenen Wissen heraus vorstellen.

    So lange er aber über zu wenig Wissen über - sagen wir einmal Geschichte, Politik, Philosophie, Soziologie, Psychologie, Ökonomie - verfügt, kann er zwar eigentlich nicht wirklich sagen, wie die Dinge sind, aber er kann glauben, er wüsste es.

    Sie verstehen? Ihre wegwerfende Handbewegung in Sachen "DLF, HR oder Golo Mann" sagt mir jedenfalls, daß Sie nur "glauben", aber nicht wissen.

    Sie glauben zu wissen und verschwenden in der Folge eben keine Zeit mehr darauf, _Wissen_ zu erwerben.

    Ich frage mich immer, wie die Leute in der "Wissensgesellschaft" eigentlich zurechtkommen. Früher und das ist schon ganz ganz ganz lang her, gab's das Fernsehen, den Streit zwischen BLÖD und Spiegel, die Dinge waren "klar".

    Heute können Sie sich so viel Information verschaffen ... daß Sie an einen Punkt kommen, an dem Sie sich fragen müssen, ob Sie die _richtigen_ gesammelt haben, also ob Sie eigentlich ausreichend "informiert" sind.

    Sie haben sich auf folgenden Standpunkt zurückgezogen: Das ist mir wurschd, das ist eh alles staatlich verordnete Desinformation, ich brauch das alles nicht, ich habe gerade dieses oder jenes erfahren und jetzt VERSTEHE ich, wie der Hase läuft - und die anderen sind alles Idioten, die keinen blassen Schimmer haben, was Sache ist.

    Wenn ich darauf gucke - das ist das Grundmuster eines "Sektenangehörigen". Er ist "erleuchtet", die anderen sind profan.

    Das ist die effektivste Methode, sich Wissen vom Leib zu halten. Das Blöde ist: Jemand, der _weiss_, erkennt sofort, wenn jemand _nicht weiss_.

    Sie, werter Hardie67, _wissen_ recht wenig.

    Sie glauben ..

  • "Sie sind bloß über-hysterisiert"
    Da kann ich Sie übrigens beruhigen. Ich schaue mir die Sache ruhig und gepflegt vom Seitenrand an und finde das, was derzeit geschieht, amusant und gut. Es ist nun mal die Zeit für Veränderungen, haben wir uns ja so ausgesucht ;-))

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