Konjunkturgipfel
Ritterschwur bei Merkels Tafelrunde

Erneut hatte die Kanzlerin zum Krisengipfel ins Kanzleramt geladen und Vorstandschefs, Wirtschaftswissenschaftler und Verbandspräsidenten waren gekommen. Für Merkel sind sie schon fast so etwas wie ein externes Küchenkabinett in der Krise. Doch auch hier dreht sich alles nur um die Frage "Was tun?".

BERLIN. Die Bundeskanzlerin lässt sich auch durch miese Zahlen nicht von ihrer optimistischen Grundhaltung abbringen. Als den geladenen Topmanagern und Verbandsspitzen am Mittwoch im Kanzleramt das Rekordminus der Konjunkturforscher präsentiert wird, gibt es zunächst lange Gesichter. Doch Angela Merkel empfiehlt den versammelten Herren, ruhig zu bleiben und diese Gelassenheit auch nach außen zu tragen. Die mit ansteigender Arbeitslosigkeit allmählich spürbare Verunsicherung in der Bevölkerung dürfe nicht noch durch düsteres Krisengerede gesteigert werden, mahnt die Regierungschefin. Die Warnung von DGB-Chef Michael Sommer vor sozialen Unruhen war Merkel übel aufgestoßen.

Seit dem ersten Treffen am dritten Advent 2008 ist aus den bunt zusammengewürfelten Funktionsträgern "ein Kreis von Vertrauten geworden", wie es heißt. Einen Namen für den exklusiven Klub gibt es nicht. Eingeladen wird auf Merkels nüchternen Briefbögen mit Bundesadler schlicht zum "Konjunkturgespräch".

Doch die Kanzlerin will die Manager als Ritter ihrer neuen Tafelrunde nutzen, um aus erster Hand Informationen aus der Wirtschaft zu erhalten. Da die Regierungschefin den Prognosen der Institute inzwischen so wenig vertraut wie dem taktischen Ratschlag der Spitzen-Lobbyisten und Tarifpartner, möchte sie sich selbst ein Bild machen. Merkel diskutiert deshalb mit ihren Gästen aus den Chefetagen der Wirtschaft ausgiebig über Konjunkturpakete, Rettungsmaßnahmen für Unternehmen und Banken sowie über Krisenstrategie. Vor allem will sie wissen, was gut läuft, was wirkt und was nicht.

Bewusst hatte die Kanzlerin ihre Tafelrunde einen Tag vor der offiziellen Bekanntgabe der Konjunkturprognose eingeladen. Da sich seit längerem eine starke Abwärtsbewegung abzeichnet, wollte Merkel rechtzeitig gegenhalten. Es solle deutlich werden, dass die Regierung die Krise nicht alleine lösen kann, hieß es im Kanzleramt. Entscheidend sei, dass alle ihren Teil beitragen, vor allem die Tarifpartner und Unternehmen.

Forderungen der Gewerkschaftsvertreter, die Koalition solle angesichts der krisenhaften Zuspitzung ein drittes Konjunkturpaket auflegen, finden bei Merkel und ihrer Tafelrunde wenig Gehör. Sowohl Ifo-Chef Hans-Werner Sinn als auch Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt weisen entsprechende Vorschläge zurück. Auch die Unternehmenslenker zeigen wenig Begeisterung: "Wir sollten erst einmal schauen, ob die beschlossenen Maßnahmen wirken", fasst Karl-Heinz Streibich, Chef der Software AG und Teilnehmer der gestrigen Runde, den Konsens zusammen.

Strittig diskutiert wird auch eine Verlängerung des Kurzarbeitergelds von 18 auf 24 Monate. Während die Bundesregierung stark in diese Richtung denkt, macht sich bei den Managern Skepsis breit. Merkel schwört die Runde darauf ein, Entlassungen so weit nur irgendwie möglich zu vermeiden. Als die Internetblase platzte, seien viel zu schnell Mitarbeiter gefeuert worden, lautet die gemeinsame Erkenntnis. Wenig später hätten bereits die Fachkräfte gefehlt. Das gelte es jetzt zu verhindern. Vor allem junge Leute und Auszubildende sollen deshalb trotz Krise eingestellt und gehalten werden, so der Schwur der Anwesenden. Dafür stellen Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück Korrekturen bei den Unternehmensteuern in Aussicht.

Trotz des tiefsten Einbruchs der Wirtschaftsgeschichte will die Spitzenrunde verhindern, dass Verunsicherung und Angst zunehmen. "Eine optimistische Grundhaltung ist das beste Konjunkturpaket, das ich mir vorstellen kann", meint Software-AG-Chef Streibich. Die Psychologie spiele in der Krise eine "entscheidende Rolle, und Schwarzmalerei hilft niemandem", so der Manager. Bei ihm jedenfalls ist die Botschaft der Kanzlerin schon angekommen.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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