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SPD: Die neue Kümmerer-Partei

Es sind nicht nur die politischen Tücken des Sommerlochs, die der SPD-Spitze den Urlaub vergällen. "Ich schaue schon auf den Herbst", sagt SPD-Generalsekretär Hubertus Heil. Am 27. September ist die SPD zehn Jahre an der Regierung im Bund, und bisher ist allzu wenigen in der Partei das Jubiläum Anlass zum Jubeln.

BERLIN. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil steht an diesem Mittwoch Abend im großen Restaurant-Saal der Wellness-Oase "Naturtherme Templin" und wirbt beim SPD-Unterbezirk Uckermark für "mehr Selbstbewusstsein". Etwa 200 Leute sind in der Heimatstadt von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) der Einladung der SPD zum "Deutschland-Dialog: Nah bei den Menschen" gefolgt. Der Landarzt ist da, der Förster, viele Kreistagsabgeordnete, und sie reagieren erst einmal skeptisch. Der Arzt beklagt die Folgen der Gesundheitsreform für seine Praxis, der Förster wettert gegen den örtlichen Arbeitsplatzabbau bei Waldarbeitern.

"Wie wollt Ihr uns von oben denn Selbstbewusstsein nahe bringen, wenn uns hier die Linke das Leben schwer macht?" fragt Gustav Adolf Haffer, der stellvertretende Unterbezirkschef, als erstes. "Mit Rudolf Scharping an der Spitze hätte die SPD 1998 nicht gewonnen", spielt ein Kreistagsabgeordneter auf das schwache Bild von SPD-Chef Kurt Beck an. Stunden zuvor hat eine Forsa-Umfrage der CDU-Kanzlerin Angela Merkel hohe Beliebtheit auch bei SPD-Anhängern attestiert. Nur 22 Prozent der Befragten wollen demnach SPD wählen.

Er wolle die Situation der SPD "gar nicht schön quatschen", das könne auch ein Generalsekretär nicht, sagt Heil und stellt sich jetzt ganz nah vor die Reihen der Besucher. Aber habe nicht auch die Union ein massives Mobilisierungsproblem? Merkels Popularität und die Umfrage-Prozente der Union klafften schließlich weit auseinander. Das Rennen um die nächste Kanzlerschaft sei offen. "Die SPD hat das bessere Team", ruft er.

Die Aufstellung für den Herbst, bevor der Kanzlerkandidat bestimmt wird, schildert Heil so: Beck und Außenminister Frank-Walter Steinmeier arbeiten gemeinsam am Wahlprogramm, und sie werden flankiert von einem Kompetenzteam aus Finanzminister Peer Steinbrück für solide Finanzen, Andrea Nahles für den guten Draht zu den Gewerkschaften und Arbeitsminister Olaf Scholz, dem Kämpfer für den Mindestlohn. Steinbrück habe mehr zum Aufschwung beigetragen als Wirtschaftsminister Michael Glos von der CSU, sagt Heil. Da erntet er endlich Applaus und zustimmende Lacher.

Es ist Becks Führungsstil, der sich da gerade in der SPD durchsetzt. Als Beck im März die "Nah bei den Menschen"-Tour startete, wahrten seine Stellvertreter erst einmal Distanz. Etliche verheerende Umfragen später ist dies nun anders: Kärrnerarbeit vor Ort leisten in diesem Sommer Becks Stellvertreter Steinmeier, Steinbrück und Nahles ebenso wie der Generalsekretär.

Auf der SPD-Internetseite Deutschland-Dialog.de zeigen Fähnchen auf einer Landkarte, wo die Tour schon Station gemacht hat, und wo sie noch hinkommen wird. Es gibt Blogs auf der Site, ein Nahles-Video auf Youtoube über ihren Ausflug ins Saarland und Fotostrecken auf Flickr von Beck. Kommentare zu den Blogs sucht die Parteiführung bisher aber vergeblich. Auch das liefert Beck Argumente für das altbewährte Konzept, Parteiprominenz über Land zu schicken.

Die SPD muss wieder die "Kümmerer-Partei" werden, ruft also Heil in den Templiner Saal. Sie dürfe nicht "rüberkommen wie ein Kühlschrank mit Begriffen wie Hartz IV. Das klingt ja wie Godzilla 7". Stolz sein solle die SPD aber darauf, dass der Aufschwung dank ihrer Reformen mehr Beschäftigung gebracht habe, dass das Land toleranter und liberaler und in der Außenpolitik eigenständiger geworden sei. Bei der Generation Google jedoch richtet die SPD wenig aus. Am Morgen hatte Heil seine Tour an der Europa-Universität Viadrina begonnen. Deren Präsidentin Gesine Schwan, die Bundespräsidentenkandidatin der SPD, war gekommen, um ein Grußwort zu sprechen. Den großen Hörsaal 1 hatte die Juso-Hochschulgruppe reserviert. Doch als die Veranstaltung mit einer Viertelstunde Verspätung beginnen sollte, hatten gerade ein Dutzend Studenten und noch einmal so viele Ortsfunktionäre den Weg zur SPD-Debatte über "Das politische Deutschland im Sommer 2008" gefunden. Man zog also um in einen Seminarraum, und Heil redete nicht über den politischen Sommer, sondern über den heiklen Herbst für die SPD.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
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