Konzernchefs wollen sich von Müntefering nicht provozieren lassen
Top-Manager schalten sich in die Kapitalismusdebatte ein

Deutschlands Top-Manager gehen in die Offensive. Die Vorstandschefs von Tui, MAN, Linde oder der Hypo-Vereinsbank (HVB) wehren sich gegen eine pauschale Diffamierung durch die Kapitalismuskritik des SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering. Die vom Handelsblatt befragten Spitzenmanager wollen die Debatte aber nicht anheizen. Sie warnen vor Übertreibungen und fordern eine sachliche Diskussion. „Undifferenzierte Polemik oder Polarisierung hilft uns nicht weiter“, sagt stellvertretend RWE-Chef Harry Roels.

HB DÜSSELDORF.In ihren Stellungnahmen gehen die Chefs der führenden Dax-Konzerne durchaus kritisch mit den Folgen der Globalisierung und dem wachsenden Druck der Investoren um. „Natürlich gibt es schwarze Schafe und Übertreibungen“, sagt MAN-Chef Håkan Samuelsson über die Finanzinvestoren. Und Linde-Chef Wolfgang Reitzle weist darauf hin, dass unternehmerisches Handeln mehr erfordere „als ausschließlich das kurzfristige Erreichen bestimmter Renditeziele“.

Einig sind sich aber alle Befragten in einem Punkt. Das System der Marktwirtschaft darf nicht zur Disposition gestellt werden und damit auch nicht der primäre Unternehmenszweck. „Mein Ziel als Manager muss die langfristige Sicherung der Profitabilität sein. Das bin ich nicht nur den Eigentümern des Unternehmens schuldig, sondern auch allen anderen, die mit diesem Unternehmen verbunden sind, insbesondere den Mitarbeitern“, sagt beispielsweise HVB-Chef Dieter Rampl.

Bislang hatten die Manager weitgehend zu Münteferings Kapitalismuskritik geschwiegen. Der SPD-Chef hatte den Streit vor drei Wochen mit Attacken auf die „wachsende Macht des internationalen Kapitals“ angezettelt. Vor einer Woche legte Müntefering mit einer Liste von Finanzinvestoren nach, die angeblich gesunde Firmen nach Heuschrecken-Art überfielen und ausschlachteten. Als der Historiker Michael Wolffsohn Münteferings Wortwahl mit Nazi-Hetzparolen verglich, eskalierte die Debatte.

Nach langem Zögern überlassen Deutschlands Spitzenmanager die Debatte nicht mehr den Politikern und Funktionären. Bislang hatten sich vor allem die Verbandschefs zu Wort gemeldet. Unter ihnen findet Müntefering auch Unterstützung. So beurteilt Sparkassen-Verbandschef Dietrich Hoppenstedt im Gespräch mit dem Handelsblatt zwar die Kritik als sehr pauschal und teilweise auch überzogen. „Im Kern hat sie aber ihre Berechtigung“, sagt Hoppenstedt, weil viele Menschen auf Grund der Globalisierung um ihren Arbeitsplatz und ihren sozialen Status fürchteten. „Wer seinen Blick nur auf kurzfristige Höchstrendite richtet und dazu Arbeitsplätze abbaut, zeigt nicht die notwendige gesellschaftliche Verantwortung und schadet damit der Wirtschaft insgesamt.“

Experten bewerten das anfängliche Schweigen der Unternehmenschefs grundsätzlich als richtig. „Der Schuss aus der Hüfte“, sagt Kommunikationsberater Dietrich Schulze van Loon, „bringt nichts.“ Wer sich von den Parolen Münteferings provozieren lasse, klage sich auch selbst an. Jetzt aber müssten sich „Unternehmerpersönlichkeiten zu Wort melden“. Sonst laufe die Debatte an ihnen – den Betroffenen – vorbei.

Für den Politikwissenschaftler Frank Brettschneider ist das Kalkül Münteferings aufgegangen. „Das Thema bleibt auf der Tagesordnung, obwohl die Kritik keinerlei Substanz hat.“ Reflexartige Reaktionen wie die des Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt hätten den Streit nur verschärft. Zurückhaltung wäre besser gewesen. Die Manager sollten in Zukunft „mehr für ihr eigenes Handeln werben“, fordert Brettschneider. Auf die Wirtschaftsverbände, so der Professor an der Universität Augsburg, könnten sie sich nicht verlassen. Kommunikationsexperte van Loon warnt die Manager sogar, „sich hinter den Verbänden zu verstecken“.

Brettschneider bezweifelt zudem jüngste Umfrageergebnisse, nach denen Müntefering mit seiner Kritik breite Zustimmung in der Bevölkerung findet. „Das ist keine Skepsis gegenüber dem System der Marktwirtschaft. Die Kritik richtet sich gegen einzelne Unternehmen.“ Brettschneider nennt Beispiele wie die Deutsche Bank oder Siemens, die Arbeitsplatzabbau oder Verlagerungen bei steigenden Gewinnen verkündeten. Das müsse erklärt werden.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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