Deutschland

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Kostenexplosion: Merkels Strompreislüge

Trotz der Energiewende soll Strom bezahlbar bleiben, hat die Kanzlerin versprochen - doch die Preise explodieren. Verbraucher und Wirtschaft zahlen die Zeche - Deutschland droht eine schleichende Deindustrialisierung.

Brüssel, Düsseldorf, BerlinSo klang Angela Merkel im Juni 2011: "Die Unternehmen genauso wie die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland müssen auch in Zukunft mit bezahlbarem Strom versorgt werden."

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Heute ist klar: Merkel hat zu viel versprochen. Die Energiepreise in Deutschland steigen dramatisch - allein in den vergangenen zehn Jahren um 57 Prozent. Und das nicht zuletzt deshalb, weil der Staat einer der größten Kostentreiber ist. Die Steuern und Abgaben auf den Strompreis haben sich inzwischen auf 23,7 Milliarden Euro erhöht - ein Plus von gut 1 000 Prozent innerhalb von 15 Jahren. Der Stromaufschlag gleicht mittlerweile einer Sonderenergiesteuer, die höher ausfällt als die Einnahmen aus Tabak- und Kraftfahrzeugsteuern zusammen.

Energiepolitik

Diese Zahl ist das Ergebnis der aktuellen Strompreisanalyse des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), die dem Handelsblatt vorliegt. Sie dürfte auch ein Alarmsignal für die Bundeskanzlerin gewesen sein, die sich heute mit den Ministerpräsidenten im Kanzleramt traf, um über die Energiewende zu beraten. Die Ergebnisse des Treffens waren dürftig: Bund und Länder wollen bei der Energiewende künftig enger zusammenarbeiten. Merkel kündigte an, ein solches Spitzentreffen künftig halbjährlich abzuhalten.

"Die Energiewende ist eine große Aufgabe, der wir uns gemeinsam verpflichtet fühlen", sagte die Kanzlerin. Zum Ausbau der Stromnetze solle noch vor der Sommerpause eine Bundesnetzplanung verabredet werden, die dann bis Ende des Jahres verabschiedet werden solle.

Verabredet wurde laut Merkel auch, den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien "zu harmonisieren mit der Notwendigkeit grundlastfähiger Kraftwerke". Die Bundesregierung werde dazu demnächst einen Vorschlag machen. Die Kanzlerin äußerte weiter die Hoffnung, dass es in den Vermittlungsverfahren zur energetischen Gebäudesanierung sowie zur von der Regierung geplanten Kürzung der Solarförderung bis zum Sommer eine Einigung geben werde.

Atompolitik Was die schwarz-gelbe Energiewende kostet

  • Atompolitik: Was die schwarz-gelbe Energiewende kostet
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  • Atompolitik: Was die schwarz-gelbe Energiewende kostet
  • Atompolitik: Was die schwarz-gelbe Energiewende kostet

Für Industrie und Verbraucher ist das nur ein schwacher Trost. Experten sind sich einig, dass die Fördersätze schleunigst gekürzt werden müssen. Denn inzwischen ist die Förderung der erneuerbaren Energien der größte Einzelposten bei Steuern und Abgaben. In diesem Jahr wird das Fördervolumen auf den bislang höchsten Jahreswert von 14,1 Milliarden Euro steigen.

Besonders die Industrie leidet unter den hohen Strompreisen. Am stärksten betroffen sind die Chemie-, Metall- und Papierindustrie. In der Aluminiumbranche belaufen sich die Stromkosten auf über 40 Prozent der Gesamtkosten.

Alle klagen, einige schließen bereits: Die Aluminiumhütte Voerdal im niederrheinischen Voerde musste angesichts hoher Strompreise jüngst Insolvenz anmelden. Der US-Chemieriese Dow Chemical betreibt derzeit 17 Standorte mit mehr als 5 000 Mitarbeitern in Deutschland. "Wegen der Energiewende bekomme ich aus meiner US-Konzernzentrale zunehmend kritische Fragen, ob die Energiebereitstellung in Deutschland noch zu wettbewerbsfähigen Preisen möglich sein wird", sagte Deutschland-Chef Ralf Brinkmann.

Kostentreiber Strompreis

Industriestrompreise im Vergleich

in Cent/kWh, 2011 (Inkl. Steuern außer MwSt.)

"Die Deindustrialisierung hat längst begonnen", warnt Energiekommissar Günther Oettinger im Gespräch mit dem Handelsblatt. Auch Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, beklagt: "Das Niveau der Industriestrompreise hier ist höher als in fast allen anderen Ländern."

In der schwarz-gelben Koalition wachsen die Sorgen: "Die Strompreise werden zur Achillesferse der Energiewende. Wir müssen sie so gestalten, dass sie bezahlbar bleibt", sagt Thomas Bareiß (CDU), Koordinator Energiepolitik der Unionsfraktion. Experten schätzen die Kosten der Energiewende auf insgesamt 170 Milliarden Euro bis zum Jahr 2020. Das ist mehr als das Doppelte dessen, was Deutschland abschreiben muss, sollte Griechenland aus der Währungsunion ausscheiden.

Oettinger schlägt Alarm „Die Deindustrialisierung hat längst begonnen“

EU-Energiekommissar Oettinger warnt vor den Folgen der Strompreisexplosion.

Dabei hat gerade die Industrie in den vergangenen Krisenjahren dazu beigetragen, dass Deutschland schneller als andere Volkswirtschaften wirtschaftlich Tritt fassen konnte. Staaten wie Großbritannien beneiden Deutschland um den 22-prozentigen Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung.

Deshalb steckt die Politik in einem Dilemma. Einerseits gehe es nicht ohne Entlastungen der Industrie bei den Energiekosten, um deren internationale Wettbewerbsfähigkeit nicht zu gefährden, sagt CDU-Experte Thomas Bareiß. Andererseits dürfe die Belastung nicht einseitig bei den Privatverbrauchern landen. "Die Lösung kann nur darin liegen, die Energiewende so kosteneffizient wie möglich zu gestalten", sagte der CDU-Politiker. In diesem Zusammenhang kritisierte er die Bundesländer, die eine Kürzung der Photovoltaik-Vergütung kürzlich mit Zweidrittelmehrheit abgelehnt hatten.

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Herkulesaufgabe Energiewende

  • Mammutprojekt Energiewende

    Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) erbt von Norbert Röttgen eine Menge Probleme. Diese sind aber weniger Röttgens Arbeit geschuldet als der Tatsache, dass die Energiewende ein Mammutprojekt ist. Ein Jahr nach dem Start drängt die Zeit: Weichenstellungen für Investitionen in neue Netze, mehr Energiespeicher und neue Gaskraftwerke sind dringend nötig.

  • Solarstrom-Reform

    Im Vermittlungsausschuss muss Altmaier wegen des Widerstands gerade der ostdeutschen Länder die Pläne für die Kürzung der Solarförderung wohl etwas abmildern lassen. Dadurch drohen aber steigende Belastungen für die Bürger. Sie zahlen die Förderkosten über den Strompreis.

    Die Regierung will, dass die Bürger nicht mehr als die derzeit 125 Euro (bei einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden) pro Jahr für die Ökostromförderung zahlen. Das auch im Bundestagswahljahr 2013 zu schaffen, wird immer schwerer.

  • Ökoenergie-Kosten und fehlende Kraftwerke

    Bisher gibt es kein tragfähiges Modell, um erneuerbare Energien wettbewerbsfähig zu machen, also die Subventionierung massiv zurückzufahren. Und wegen des Einspeisevorrangs für Wind- und Sonnenstrom lohnen sich zum Beispiel neue Gaskraftwerke kaum noch. Die braucht man aber, wenn es keine Sonne oder Wind gibt und die Atomkraftwerke abgeschaltet sind.

    Daher müssen hier Anreize oder Regelungen geschaffen werden, damit diese jetzt bald gebaut werden, denn bis 2022 sollen die restlichen neun Atomkraftwerke abgeschaltet werden.

  • Speicher und Netze

    Die Regierung investiert in Speicherforschung, doch schnelle Lösungen sind nicht zu erwarten. Immer mehr Wind- und Solarparks bringen nur etwas, wenn überschüssiger Strom eines Tages auch gespeichert werden kann. Zudem können die Netze mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien (Stromanteil schon rund 20 Prozent) kaum noch mithalten.

    Tausende Kilometer an neuen Leitungen sind nötig. Hier muss Altmaier mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) Lösungen finden, in Kürze soll ein Bundesnetzplan vorliegen. Besonders der Anschluss der See-Windparks muss beschleunigt werden.

  • Koordinierung

    Jedes Bundesland hat sein Energiekonzept, hinzu kommen hunderte kommunale Pläne. Hier ist dringend mehr Abstimmung und eine einheitliche Koordinierung nötig, damit neue Wind- und Solarparks da entstehen, wo sie gebraucht werden und wo es Netze gibt.

    Zudem muss ein Ausufern von Subventionen vermieden werden, denn der Netzausbau treibt in diesem Jahr stark die Netzentgelte, die wie die Ökoförderkosten über den Strompreis zu zahlen sind.

  • Geld für Energiewende-Projekte

    Damit die Einnahmen aus dem Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten wieder anziehen, wäre eine Anhebung des EU-Klimaziels auf 30 Prozent weniger Treibhausgasemissionen bis 2020 (im Vergleich zu 1990) notwendig. Doch das Kohleland Polen blockiert. Die Einnahmen sind nötig zur Finanzierung von Energiewende-Projekten. Bleiben diese weiter aus, könnten bis zu fünf Milliarden Euro in den kommenden Jahren fehlen.

    Besonders Maßnahmen für Energieeinsparungen würden darunter leiden. Wird weniger Energie verbraucht, werden auch weniger Netze und Kraftwerke gebraucht - ein Schlüssel zum Erfolg.

  • Atom-Endlager

    Röttgen hat viel Vorarbeit geleistet für eine neue Suche nach einem Endlager für hoch radioaktiven Atommüll. Doch geklärt werden muss noch, wie der bisher favorisierte Standort Gorleben in das Suchverfahren integriert wird und wer das Sagen bei der Suche haben soll.

    Bis zum Sommer soll das Problem abgeräumt werden und mit SPD und Grünen ein Suchgesetz erarbeitet werden.

  • Asse

    Altmaier muss klären, wie das Problem in dem maroden Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle bei Wolfenbüttel gelöst werden soll, wo 126.000 Atomfässer geborgen werden sollen.

    Es kommt aber zu ständigen Verzögerungen, und die Zweifel wachsen, ob eine Bergung angesichts mangelnder Stabilität des Lagers noch möglich ist.

Beim heutigen Treffen der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten der Länder wird das Thema Strompreise oben auf der Tagesordnung stehen. Dafür hatten die Länder gesorgt. Merkel wollte sich mit den Ministerpräsidenten zunächst nur über den Ausbau der Netze unterhalten. Vielleicht wollte sie auch einfach nicht an ihre Zusage aus dem vergangenen Juni erinnert werden, wonach die Strompreise für Industrie und Verbraucher bezahlbar bleiben würden.

Strompreise Privathaushalte

Entwicklung des Verbraucherpreisindex von 2000 bis 2012

2000=100

Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Zu Beginn der Liberalisierung des Strommarktes 1998 summierten sich staatliche Steuern und Abgaben für alle Stromverbraucher auf 2,28 Milliarden Euro. 2012 ist der Wert etwa zehn Mal so hoch. Mit 14,1 Milliarden stellt die Umlage zur Förderung der erneuerbaren Energien auch in diesem Jahr den größten Einzelposten der staatlichen Steuern und Abgaben dar.

Steuern und Abgaben machen bereits 45 Prozent der Stromrechnung eines durchschnittlichen privaten Musterhaushaltes mit drei Personen aus. Er zahlt 75 Euro im Monat, davon entfallen nur noch 41 Euro auf Beschaffung, Transport und Vertrieb des Stroms, also die eigentliche Leistung. 34 Euro sind Steuern und Abgaben.

Chronologie der Energiewende Wie Merkel zur Anti-Atom-Kanzlerin wurde

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Die Verzehnfachung der Steuern und Abgaben stellt lediglich den Beginn einer Entwicklung dar, die sich nach Einschätzung vieler Fachleute noch deutlich beschleunigen wird. Nach oben sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Der Grund: die Energiewende. Wenn die Bundesregierung ihre ehrgeizigen Ziele erreichen will, wird sie viel Geld umverteilen müssen, das sie zuvor bei den Stromverbrauchern einsammelt. So soll allein der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung von derzeit 20 Prozent bis 2020 auf 35 Prozent und bis 2030 auf 50 Prozent steigen.

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Das kostet. Es gibt mittlerweile eine Reihe von Berechnungen und Szenarien zu diesem Thema. So kommt die Unternehmensberatung McKinsey in einem Anfang Mai vorgestellten Gutachten zu dem Ergebnis, dass sich die Kosten für die Energiewende zwischen 2011 und 2020 auf 175 Milliarden Euro summieren werden. Allein im Jahr 2020 werden die Stromverbraucher demnach Kosten von 21,5 Milliarden Euro tragen müssen, die nur durch den Umstieg auf die erneuerbaren Energien verursacht werden.

Umlage auf den Strompreis

EEG-Vergütung nach Energieträgern

in Mrd. Euro


( mit der Maus über die Grafik fahren)

Die Erneuerbare-Energien-Branche hält solchen Berechnungen gern entgegen, der Strom aus Windparks oder Photovoltaik-Anlagen habe auch kostensenkende Effekte. So muss die deutsche Volkswirtschaft immer weniger Geld für fossile Brennstoffe wie Öl und Gas aufbringen. Außerdem überflutet an sonnen- und windreichen Tagen Öko-Strom die Leipziger Strombörse und drückt die Börsenpreise.

Fachleute sind sich aber einig, dass dadurch nur ein Bruchteil der Kosten aufgefangen werden kann. "Die finanziellen Belastungen durch die Energiewende sind enorm", sagt McKinsey-Experte Thomas Vahlenkamp. "Die Hauptlast tragen die privaten Haushalte."

Infografik Wo Deutschlands Kernkraftwerke stehen

Die Zeit der Atomenergie geht in Deutschland zu Ende. Bis 2022 wird ein kompletter Ausstieg vollzogen. Eine Infografik mit den 17 Reaktoren inklusive ihrer wesentlichen Daten und wo sie stehen.

Die besonders energieintensiven Branchen wie Stahl oder Aluminium hingegen können ab 2013 auf Subventionen für höhere Strompreise hoffen. Entsprechende Voraussetzungen hat die EU-Kommission durch Änderungen im Beihilferecht geschaffen, wie sie gestern mitteilte. 2013 tritt der Emissionshandel der EU in eine neue Phase, weiter steigende Stromkosten sind die Folge. Doch jetzt können die Mitgliedstaaten gegensteuern. Die entsprechenden Subventionen dürfen bis 2015 bis zu 85 Prozent der höheren Kosten abdecken.

Danach wird der Anteil der erlaubten Subventionen gesenkt. Die EU-Kommission begründet die Ausnahmeregeln damit, dass die betroffenen Industrien bei weiter steigenden Kosten aus der EU abwandern könnten. Wenn sie dann im Ausland ihren Strom aus vergleichsweise stark luftverschmutzenden Anlagen bezögen, wäre für den Klimaschutz nichts gewonnen. Die Bundesregierung wird aus den Emissionseinnahmen jährlich etwa 500 Millionen Euro für die stromintensive Industrie bereitstellen.

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100 Kommentare

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  • 23.05.2012, 12:57 Uhrmelancholiker

    das ist nicht die einzige lüge bei der panikartigen einführung: die zunahme der CO2 emissionen und die abhängikeit von undemokratischen lieferstaaten und der alleingang gegen alle mitspieler in europa sind ebenfalls nicht diskutiert. im übrigen ist die zeitgerechte umstellung aufgrund des deutschen planungsrechtes völlig illosorisch. das ist auch die eigentliche schuld von röttgen, dass er die physikerin merkel davor nicht laut genug gewarnt hat.

  • 23.05.2012, 13:01 UhrMarc

    Ökostrom lässt die Strompreise explodieren. Das hätte doch längst allen klar sein müssen. Schuld an dieser Misere sind doch haupsächlich diese Grünen Chaoten.

  • 23.05.2012, 13:03 UhrBarometer

    Merkel betreibt grüne Deindustrialisierungspolitik. Und deshalb ist Röttgen in NRW gescheitert. Nicht, weil die Kraft so eine tolle Politikerin ist, diese Schuldenkönigin.
    Merkel betreibt eine Politik gegen die eigene Wählerschaft. Schäuble sogar gegen das deutsche Volk!

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