Kostenexplosion Merkels Strompreislüge

Trotz der Energiewende soll Strom bezahlbar bleiben, hat die Kanzlerin versprochen - doch die Preise explodieren. Verbraucher und Wirtschaft zahlen die Zeche - Deutschland droht eine schleichende Deindustrialisierung.
Update: 23.05.2012 - 15:07 Uhr 100 Kommentare

Bund und Länder geloben Tempo bei Energiewende

Brüssel, Düsseldorf, BerlinSo klang Angela Merkel im Juni 2011: "Die Unternehmen genauso wie die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland müssen auch in Zukunft mit bezahlbarem Strom versorgt werden."

Heute ist klar: Merkel hat zu viel versprochen. Die Energiepreise in Deutschland steigen dramatisch - allein in den vergangenen zehn Jahren um 57 Prozent. Und das nicht zuletzt deshalb, weil der Staat einer der größten Kostentreiber ist. Die Steuern und Abgaben auf den Strompreis haben sich inzwischen auf 23,7 Milliarden Euro erhöht - ein Plus von gut 1 000 Prozent innerhalb von 15 Jahren. Der Stromaufschlag gleicht mittlerweile einer Sonderenergiesteuer, die höher ausfällt als die Einnahmen aus Tabak- und Kraftfahrzeugsteuern zusammen.

Diese Zahl ist das Ergebnis der aktuellen Strompreisanalyse des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), die dem Handelsblatt vorliegt. Sie dürfte auch ein Alarmsignal für die Bundeskanzlerin gewesen sein, die sich heute mit den Ministerpräsidenten im Kanzleramt traf, um über die Energiewende zu beraten. Die Ergebnisse des Treffens waren dürftig: Bund und Länder wollen bei der Energiewende künftig enger zusammenarbeiten. Merkel kündigte an, ein solches Spitzentreffen künftig halbjährlich abzuhalten.

"Energiewende ist wie ein Marathonlauf"

"Die Energiewende ist eine große Aufgabe, der wir uns gemeinsam verpflichtet fühlen", sagte die Kanzlerin. Zum Ausbau der Stromnetze solle noch vor der Sommerpause eine Bundesnetzplanung verabredet werden, die dann bis Ende des Jahres verabschiedet werden solle.

Verabredet wurde laut Merkel auch, den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien "zu harmonisieren mit der Notwendigkeit grundlastfähiger Kraftwerke". Die Bundesregierung werde dazu demnächst einen Vorschlag machen. Die Kanzlerin äußerte weiter die Hoffnung, dass es in den Vermittlungsverfahren zur energetischen Gebäudesanierung sowie zur von der Regierung geplanten Kürzung der Solarförderung bis zum Sommer eine Einigung geben werde.

Für Industrie und Verbraucher ist das nur ein schwacher Trost. Experten sind sich einig, dass die Fördersätze schleunigst gekürzt werden müssen. Denn inzwischen ist die Förderung der erneuerbaren Energien der größte Einzelposten bei Steuern und Abgaben. In diesem Jahr wird das Fördervolumen auf den bislang höchsten Jahreswert von 14,1 Milliarden Euro steigen.

Besonders die Industrie leidet unter den hohen Strompreisen. Am stärksten betroffen sind die Chemie-, Metall- und Papierindustrie. In der Aluminiumbranche belaufen sich die Stromkosten auf über 40 Prozent der Gesamtkosten.

Alle klagen, einige schließen bereits: Die Aluminiumhütte Voerdal im niederrheinischen Voerde musste angesichts hoher Strompreise jüngst Insolvenz anmelden. Der US-Chemieriese Dow Chemical betreibt derzeit 17 Standorte mit mehr als 5 000 Mitarbeitern in Deutschland. "Wegen der Energiewende bekomme ich aus meiner US-Konzernzentrale zunehmend kritische Fragen, ob die Energiebereitstellung in Deutschland noch zu wettbewerbsfähigen Preisen möglich sein wird", sagte Deutschland-Chef Ralf Brinkmann.

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100 Kommentare zu "Kostenexplosion: Merkels Strompreislüge"

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  • Wenn der Ökostrom dermaßen die Preise explodieren lässt, wie kann es dann sein, dass der Strom aus der Atomnation Frankreich um 25% teurer ist, als bei uns? Müsste der ach so billige Atomstrom aus Frankreich nicht viel günstiger sein, als unser teurer Ökostrom?

  • Die EEG-Umlage muss sehr wohl von der Industrie gezahlt werden. Nur bei einem extrem hohen Stromanteil an der Wertschöpfung gibt es eine Befreiung!

  • Es wurde zwar nicht direkt gesagt, dass die Energiewende nichts kostet - aber vielleicht ist Ihnen der Slogan: "Die Sonne schickt keine Rechnung" bekannt. Damit tourte ein gewisser Franz Alt lange durch die Lande und Medien. Diese Aussage wurde von der Mehrheit so verstanden: "Die Energierwende bringt keine Kosten mit sich.

  • Da gab es doch mal einen Mann, Theologe und Journalist, auch im öffentlich rechtlichen Fernsehen - der tourte einige Jahre durch die Republik mit einem griffigen Slogan: "Die Sonne schickt keine Rechnung". Seit einiger Zeit hört man nichts mehr von dem Herrn - ach ja, der Name: Franz Alt

  • Zu versuchen wären alternative Stromtarife wie "Billigstrom ab Windfarm, wo und wann er anfällt". Stromintensive Industrien wie Aluminiumhersteller sind es gewohnt, dorthin zu gehen, wo der Strom anfällt. Wieso nicht in den Norden?

  • Der Ausstieg aus der Kernenergie war sicher Merkels größter Fehler. Alle Vorteile der Agenda 2010 sind mit der momentanen Energie und Europapolitik wieder aufgebraucht.
    Die beste Alternative währen Gaskraftwerke in Kombination mit Fracking. Außerdem könnten die Netze nach Frankreich und Tschechien ausgebaut werden. Das gibt genug Luft für ein paar Jahrzehnte, bis die Anti-Atom Stimmung verflogen ist und wir eine neue Generation sicherer Kraftwerke aus China importieren können.

  • Die EEG-Umlage stellt doch nur einen Bruchteil der vom Staat verursachten Kosten dar! Hinzu kommen die "Netzentgelte", die Teile der Kosten der Schattenkraftwerke enthalten, die Brennelementesteuer und diverses andere Gedöns. So hat man viele Jahre lang politische Sabotage an den Kernkraftwerken geübt: beispielsweise hat nach mir zugetragenen Informationen die Atomaufsicht in Schleswig-Hollstein wiederholt das Wiederanfahren des KKW Krümmel nach Revisionen ohne Grund um jeweils einige Tage verzögert, wodurch alle Projektpläne der Betreiber und der beteiligten Zulieferfirmen (die bei einer Revision manchmal über 1000 Mitarbeiter in einem KKW haben) platzten und erhebliche Mehrkosten entstanden.

  • Kleine Korrektur: Für Endverbraucher sind die Stromkosten in Deutschland mittlerweile etwa VIERMAL so soch wie in Texas. In Dallas, TX, betragen sie nach unserer Recherche derzeit umgerechnet auf Euro und "brutto" 7 Cent pro Kilowattstunde.

  • Wenn Frau "Professorin" Kempfert den Mund aufmacht, redet sie dummes Zeug. Deshalb möchte ich vom Chefredakteur des Handelsblattes gern wissen, warum sie hier als in einer Bilduntrschrift als "Energieexpertin" bezeichne6t wird, OHNE das dieses Wort in Anführungszeichen gesetzt wird.

  • Der Bundesbürger zahlt so oder so - entweder direkt über die Stromrechnung, oder indirekt über geringere Lohnsteigerungen oder gar den Verlust seines Arbeitsplatzes. Die richtige Rechnung ist also: bei 20 Milliarden Euro pro Jahr, verteilt auf 80 Millionen Bundesbürger, zahlt jeder - vom Baby bis zum Greis - 250 Euro PRO JAHR für die Energiewende.

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