Kräftige Lohnforderungen
Die Gewerkschaften laufen sich warm

Die Arbeitnehmervertreter der Chemiebranche setzen ein markantes Signal für die Lohnpolitik: Nach dem Ende der Krise soll es jetzt starke Zuwächse geben. Dass die Ansprüche der Beschäftigten wachsen, trifft die Arbeitgeber zwar nicht unvorbereitet, trotzdem warnen sie besorgt vor einem Verlust der "Bodenhaftung".
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BERLIN. Für einen Vorgeschmack auf die neuen Zeiten hatte im Sommer bereits die IG Metall gesorgt: Nach einer Serie von Krisen-Tarifrunden konfrontierte sie die Stahlindustrie mit der mutigen Forderung von sechs Prozent - und holte so für die 85 000 Stahlarbeiter am Ende immerhin 3,6 Prozent mehr Geld.

In der bevorstehenden Tarifrunde der chemischen Industrie werden die Dimensionen noch etwas größer sein: Dort geht es gleich um 550 000 Beschäftigte. Und die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) strebt sogar eine Erhöhung von "sechs bis sieben Prozent" an. So hat es ihr Hauptvorstand nun als erste Marschroute beschlossen.

"Die gesamtwirtschaftliche Lage ist gut, die Chemie steht noch besser da", begründet IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis die erhöhten Ansprüche. Zuvor hätten die Beschäftigten einen "erheblichen Beitrag" zur gelungenen Bewältigung der Krise geleistet. "Das muss sich jetzt auch in den Portemonnaies wiederfinden", intoniert er die Vorbereitung auf die Verhandlungen, die im Februar beginnen.

Ein steiler Aufstieg, aber aus einem tiefen Tal

Dass die Ansprüche der Beschäftigten wachsen, trifft die Arbeitgeber zwar nicht unvorbereitet. Dass nun aber ausgerechnet die als pragmatisch geltende Chemie-Gewerkschaft derart schwungvoll loslegt, stört den Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) durchaus. "Die IG BCE muss darauf achten, die Bodenhaftung nicht zu verlieren", warnt BAVC-Hauptgeschäftsführer Hans Paul Frey. Jetzt "Aufschwung"-Tarifverträge mit Zahlen "jenseits der Realität" zu fordern sei fahrlässig.

Dahinter steht ein Streit über die Deutung von Wirtschaftsdaten, der sich auch in anderen Branchen noch zeigen wird: Verglichen mit dem Krisenjahr 2009 weisen aktuell alle Statistiken kräftige Pluszeichen aus. Zum Beispiel hat sich die Produktion der Chemieindustrie binnen Jahresfrist um mehr als 15 Prozent erhöht. Trotzdem fehlen aber noch immer einige Prozentpunkte bis zum alten Niveau von 2008. "Einen echten Aufschwung mit Zuwächsen gegenüber dem Vorkrisenniveau gibt es schlicht und einfach nicht", folgert Frey. Die IG BCE möge daher bitte "augenblicklich auf die Euphoriebremse" treten.

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  • Mit Harz 4 kein Wachstum.

  • Trotzdem fehlen aber noch immer einige Prozentpunkte bis zum alten Niveau von 2008. "Einen echten Aufschwung mit Zuwächsen gegenüber dem Vorkrisenniveau gibt es schlicht und einfach nicht", folgert Frey.

    Aha, wenn es um Löhne und Gehälter geht, dann ist es auf einmal vorbei mit den tollen Aufschwungmeldungen. Seit Wochen überschlagen sich die Meldungen vom Wirtschaftsboom und den Zuwachsraten in bananenrepublikland.
    Alles doch nur Propaganda und Verarsche der breiten Massen?!
    Man kann garnicht soviel fressen, wie man täglich kotzen müsste!

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