Kraftwerksplanung
Strom könnte knapp werden

Mit ihren neuesten Berechnungen zum Bau von Kraftwerken in Deutschland schockt die Deutsche Energieagentur die Verbraucher: Bleibt es bei den bisherigen Energieplanungen und werden Kraftwerke wie geplant abgeschaltet, wird der Strom schon in wenigen Jahren knapp - und teuer.
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BERLIN. Deutschland steht vor massiven Engpässen bei der Stromversorgung. Bis zum Jahr 2020 fehlen Stromerzeugungskapazitäten im Umfang von rund einem Dutzend konventioneller Großkraftwerke. Zu diesem Ergebnis kommt die Deutsche Energieagentur (Dena) in ihren neuesten Berechnungen zum Bau von Kraftwerken in Deutschland. Die Folge der Knappheit: Die Strompreise steigen.

Die Dena aktualisiert mit diesen Zahlen ihre im Frühjahr 2008 veröffentlichte Studie zur Kraftwerksplanung. Damit hatte die Agentur, die zur Hälfte dem Bund gehört, zur anderen Hälfte der staatlichen KfW, der Allianz, der Deutschen Bank und der DZ Bank, eine breite energiepolitische Debatte ausgelöst. Insbesondere Umweltschutzgruppen, aber auch das Umweltbundesamt, hatten kritisiert, die Dena liefere gezielt den Befürwortern neuer Kohlekraftwerke und längerer Laufzeiten von Kernkraftwerken Argumente.

Den neuesten Daten der Dena zufolge fehlen 2020 in Deutschland zwischen 10 500 und 14 100 Megawatt hocheffizienter Kohle- und Gaskraftwerke, um eine sichere Stromversorgung zu gewährleisten. Welcher der beiden Werte zum Tragen kommt, hängt davon ab, wie sich der Stromverbrauch entwickelt.

Bei ihren Berechnungen unterstellt die Dena das sukzessive Auslaufen alter Kraftwerke, die das Ende ihrer Betriebszeit erreichen. Gleichzeitig werden neue Projekte in verschiedene Kategorien eingeteilt: Kraftwerke, die kürzlich in Betrieb gegangen oder derzeit in Bau sind, gehören der „Kategorie A“ an. Kraftwerke, für die Baugenehmigungen erteilt oder zumindest absehbar sind und für die zudem die Komponenten bereits bestellt sind, gehören zur „Kategorie B“. Anlagen, die noch nicht über das Projektstadium hinausreichen oder deren weitere Planung zurückgestellt wurde, werden der „Kategorie C“ zugeordnet.

„Bei den gesicherten Projekten der Kategorie A sehen wir heute gegenüber der Studie aus dem vergangenen Jahr ein Minus von 2 000 Megawatt“, sagte Dena-Geschäftsführer Stephan Kohler dem Handelsblatt. Dabei erscheint selbst diese Annahme noch optimistisch. So führt die Dena auch das umstrittene Vattenfall-Kraftwerksprojekt in Hamburg-Moorburg noch immer in der Kategorie A. Das Kraftwerksprojekt Datteln wird immerhin noch in der Kategorie B geführt, obwohl das Oberverwaltungsgericht Münster den Bebauungsplan für das Steinkohlekraftwerk des Eon-Konzerns kürzlich für unwirksam erklärt hatte.

Die Energiekonzerne stoßen derzeit mit einer Vielzahl von Projekten auf erbitterten Widerstand. „Wir können in dieser Hinsicht keine Entwarnung geben. Im Gegenteil: Die Lage hat sich eher verschlechtert“, sagte Kohler. Die Aufgabe oder Verschiebung von Neubauprojekten im Bereich der Kohle- und Erdgaskraftwerke führe im Ergebnis dazu, dass vermehrt ältere und ineffiziente fossile Kraftwerke mit höheren Kohlendioxidemissionen länger betrieben werden müssten, sagte der Dena-Chef. Da für den Betrieb von Kraftwerken mit höheren CO2-Emissionen mehr Emissionszertifikate benötigt werden, seien höhere Stromerzeugungskosten unvermeidbar.

Bei ihren aktualisierten Berechnungen unterstellt die Dena für das Jahr 2020 einen Anteil der erneuerbaren Energien von 33 Prozent. Kohler nennt dieses Ziel „erreichbar, aber sehr ambitioniert“. Derzeit liegt der Anteil der Erneuerbaren bei rund 17 Prozent. Bei der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) geht die Dena für 2020 von einem Anteil von 19 Prozent aus. Die Agentur bleibt damit unter dem Zielwert der Bundesregierung, der bei 25 Prozent liegt. Derzeit liefern KWK-Anlagen rund elf Prozent des Stroms. Bei KWK-Anlagen wird die Wärme, die bei der Stromproduktion etwa aus Gas oder Kohle entsteht, für Heizzwecke oder für industrielle Produktionsprozesse genutzt. Daher sind die Anlagen besonders effektiv.

Eine leichte Entspannung gegenüber 2008 ergibt sich an anderer Stelle: Wegen der geringeren Auslastung der AKW in den vergangenen Monaten stehen jetzt noch größere Reststrommengen zur Verfügung. Zwei Meiler, die die Dena in der ersten Studie im Jahr 2020 bereits abgeschaltet wähnte, dürften daher selbst dann noch 2020 am Netz sein, wenn der derzeit noch gültige Ausstiegsbeschluss weiter Bestand hätte. Unter der künftigen schwarz-gelben Bundesregierung dürften beide Reaktoren ohnehin länger am Netz bleiben.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Kraftwerksplanung: Strom könnte knapp werden"

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  • @ realien (3)

    „Der Ausgang der bundestagswahl lässt uns hoffen, dass wir wieder mit einer realistischeren Energiepolitik rechnen dürfen.“

    Das Problem bei der betrachtung des Kraftwerksbedarfs stellen immer noch die dar, die den Stromexport als Überschuß betrachten und deshalb der Meinung sind, daß in D weniger Kraftwerke und schon gar keine Kernkraftwerke oder Kohlekraftwerke gebraucht werden. Diese Leute träumen von einer dezentralen Stromversorgung und bilden sich ein, daß sie mit ihren Solarplatten auch autark sein könnten.

  • @ baeckerbullerjahn (2)
    "Nur ist die neue Art des Hb-"Forums" darauf angelegt,daß ihr beitrag spätestens übermorgen im Orkus des internets verschwunden ist."

    Das sehe ich nicht so. Diese Art des "Forums" ist die, die wir schon vo einigen Jahren hatten und besser zu lesen ist, als damals.

    "ich werde mich deshalb verabschieden. Sorry"

    Aber nicht doch, da sind schon ganz andere Stürme über dieses Forum hinweggefegt, es ist immer noch da.

  • "bleibt es bei den bisherigen Energieplanungen und werden Kraftwerke wie geplant abgeschaltet, wird der Strom schon in wenigen Jahren knapp - und teuer...":

    Das hat die neue und erste Rot-Rote-Landesregierung brandenburg auch begriffen... man will den Neubau von mondernen effizienten braunkohlekraftwerken nicht verhindern.

    Sind doch investitionen in eine nachhaltige Energieversorgung investitionen in die Zukunft. Der steigende Strombedarf stellt die EU vor große Herausforderungen (das Elektroauto hat seinen Strombedarf noch nicht einmal angemeldet). insgesamt sind bis 2020 400.000 MW Kapazitäten zu erneuern beziehungsweise zusätzlich zu errichten und schließt rund 170.000 MW fossil gefeuerter Kraftwerken mit ein: etwa die Hälfte des bestands, deren Neubau notwendig ist, um die CO2-Ziele zu erreichen. Dazu sind von Seiten der Energieversorgungsunternehmen Milliardenschwere investitionen notwendig, die wesentliche impulse für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt liefern.

    Viele Länder setzen vor dem Hintergrund der erforderlichen Kraftwerkserneuerungen verstärkt auf Kernkraft. Aber auch effiziente Kohle- und Gaskraftwerke spielen dabei eine Rolle. Mit einem Anteil von über 45 Prozent bilden sie auch in den nächsten Dekaden das Fundament einer sicheren Energieversorgung in Europa (Quelle: RWE Power).

    Der Ausgang der bundestagswahl lässt uns hoffen, dass wir wieder mit einer realistischeren Energiepolitik rechnen dürfen.

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