Krank zu werden ist eine kostspielige Angelegenheit
Ein halbes Monatsgehalt für den Arztbesuch

In Schweden weiß jeder, was seine Behandlung wert ist.

STOCKHOLM. Schwedens Gesundheitssystem gilt zumindest bei deutschen Ärzten als Modell. Allein seit 2001 sind mehr als 500 deutsche Mediziner an schwedische Krankenhäuser gegangen. Geregelte Arbeitszeiten, bessere technische Ausstattung und ein höheres Gehalt locken sie. Gesundheitspolitiker sind dagegen aus wirtschaftlicher Sicht vom System angetan, da ein richtiger Notstand durch die reine Steuerfinanzierung nicht auftreten kann.

Für Patienten ist es indes eine : Zwischen 13 und 26 Euro pro Arztbesuch, selbstbezahlte Medikamente bis zu einer Obergrenze von rund 100 Euro im Jahr und ein Krankengeld, das bei vielen nur rund die Hälfte des Einkommens ausmacht, verursachen bei manch einem Schweden schwere Schmerzen. Zudem wurde die Zahnbehandlung weitestgehend aus dem System herausgelöst: Eine Plombe oder ein Zahnimplantat müssen mittlerweile die meisten Schweden mit Ausnahme von Kindern und Rentnern selbst bezahlen. Ein Zahnarztbesuch kann deshalb schon mal ein Monatsgehalt aufzehren. Die Schweden können daher nicht nachvollziehen, warum die Deutschen sich über eine Praxisgebühr aufregen.

Die Gesundheitssysteme in Deutschland und Schweden lassen sich allerdings kaum miteinander vergleichen: Während Deutschland ein beitragsfinanziertes System hat, zählt Schweden zu den Ländern, die ihre Gesundheitssysteme nahezu ausschließlich über Steuern finanzieren. Ein schwedischer Arbeitnehmer weiß deshalb nicht, welcher Anteil seiner Steuern für das öffentliche Krankensystem verwendet wird. Die gesamten Gesundheitsausgaben liegen bei rund 7,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Doch obwohl die Steuern in Schweden mit über 50 Prozent zu den höchsten aller OECD-Länder gehören, leidet der Gesundheitsapparat unter chronischem Geldmangel. Überfüllte Krankenhäuser, in denen die Patienten in den Korridoren untergebracht werden müssen, und Operationswarteschlangen, in denen manch ein Patient noch vor dem Eingriff stirbt, haben eine Diskussion auch in dem Land in Gang gesetzt, das sich "die Bereitstellung von guter Gesundheits- und Krankenpflege für die Bevölkerung" per Gesetz verordnet hat.

Verschärft wird die heutige Situation dadurch, dass die regierenden Sozialdemokraten nach einem kurzen bürgerlichen Intermezzo Mitte der 90er-Jahre die damals vorsichtig eingeleitete Privatisierung von einigen Kliniken und die liberale Zulassung von privaten Ärzten zurückzunehmen versuchen. Die weitere Privatisierung der Krankenhäuser beispielsweise ist gestoppt.

Sorgen bereitet den Gesundheitspolitikern die weiterhin rekordhohe Zahl von Krankschreibungen. Deshalb wird immer wieder eine weitere Senkung der Krankengeldsätze diskutiert. Krank sein in Schweden ist zwar teuer - doch niemand klagt.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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