Krankenkassen Optionen jenseits der Bürgerversicherung

Wettbewerb statt Bürgerversicherung: Unter diesem eingängigen Motto plädierten Gesundheitsexperten und Politiker auf der Health-Tagung des Handelsblatts in Berlin für den Erhalt der privaten Krankenversicherung.
Kommentieren
Auf der 22. Handelsblatt Jahrestagung „Health“ - Strategiegipfel der Gesundheitswirtschaft - plädierte Achim Wambach, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung und Vorsitzender der Monopolkommission, für eine getrennte Optimierung beider Krankenversicherungssysteme. Quelle: Dietmar Gust
Health-Tagung des Handelsblatts in Berlin

Auf der 22. Handelsblatt Jahrestagung „Health“ - Strategiegipfel der Gesundheitswirtschaft - plädierte Achim Wambach, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung und Vorsitzender der Monopolkommission, für eine getrennte Optimierung beider Krankenversicherungssysteme.

(Foto: Dietmar Gust)

BerlinFür den SPD-Gesundheitsexperten Thomas Isenberg ist die Sache klar: „Wir haben unseren Wählern in der Vergangenheit viel zugemutet, von Zusatzbeiträgen bis zu immer höheren Zuzahlungen. Daher schulden wir ihnen etwas, wenn wir uns jetzt noch einmal auf eine Große Koalition einlassen wollen.“ Und das seien die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der Kassenbeiträge und die Bürgerversicherung, sagte Isenberg am Montag auf der Handelsblatt Jahrestagung Health in Berlin. „Wir sind nicht dazu da, die roten Linien der SPD zu bedienen“, konterte Unionsgesundheitsexpertin Karin Maag ganz im Sinne von Kanzlerin Angela Merkel. Die hatte kurz zuvor eine Bürgerversicherung kategorisch ausgeschlossen.

Doch jenseits dieser Frontstellung im Grundsätzlichen gibt es offenbar Bewegungsspielraum. Das zeigte auch die Handelsblatttagung im Hotel Schweizer Hof in der Hauptstadt. So warb der Chef der Monopolkommission, Achim Wambach, dafür, sich doch erst einmal um die getrennte Optimierung der beiden Systeme zu kümmern, bevor man über die Fusion von gesetzlicher (GKV) und privater Krankenversicherung (PKV) verhandelt. Er erhielt dafür großen Beifall vom bunt gemischten Publikum, zu dem Mitarbeiter großer gesetzlicher Versicherer genauso gehörten wie Mitarbeiter von Arzneimittelunternehmen und der privaten Krankenversicherung.   

So monierte Wambach, es gebe zwischen den privaten Versicherungen kaum Wettbewerb um Bestandskunden. Die könnten nicht wechseln, weil sie dann nur einen kleinen Teil ihrer Alterungsrückstellungen mitnehmen könnten. Und dieses Recht haben auch nur Versicherte, die erst nach 2009 einen Vertrag abgeschlossen haben. Wer schon früher privat versichert war, verlöre sämtliche Ansprüche und müsste beim neuen Anbieter kaum bezahlbare Prämien leisten. Hier sieht Wambach Handlungsbedarf.

Den sahen die Vertreter von CDU, SPD, FDP und Linke im Prinzip auch. Allerdings will die CDU, auf die es mit Blick auf eine mögliche große Koalition ankommt, Wambachs Vorschlag nicht folgen, Wechslern das Recht zu geben, ihre Rückstellungen mitnehmen zu dürfen. Das würden viele PKV-Unternehmen wirtschaftlich einfach nicht aushalten, sagte Maag. Ähnliche Argumente kamen zuvor auch von Vertretern der PKV.  

Wambach widersprach: Nach seiner Meinung müsste es sehr wohl möglich sein, dafür zu sorgen, dass ein Wechsler nur den Teil seiner Rückstellungen mitnimmt, der seinem persönlichen Gesundheitsrisiko entspricht. Bei einem Versicherten mit Vorerkrankungen gingen dann höhere Beträge auf den neuen Versicherer über, als es bei einem gesunden Versicherten der Fall wäre. Maag hält eine solche Differenzierung schlicht für schwer darstellbar. Gleichwohl könnte es gut sein, dass bei Koalitionsverhandlungen, sollte es denn dazu kommen, darüber geredet wird. Immerhin war es die SPD, die durchgesetzt hat, dass Privatversicherte seit 2009 zumindest einen kleinen Teil ihrer Rückstellungen beim Wechsel in die PKV mitnehmen dürfen.

Ähnlich die Lage beim Projekt der SPD, die in der Höhe stark unterschiedlichen Arzthonorare bei PKV und GKV für Ärzte anzugleichen: SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach sieht in der Angleichung der Honorare einen ersten wichtigen Schritt, den Widerstand der Ärzte gegen seine Bürgerversicherungsidee zu brechen. Denn derzeit beziehen die Ärzte bis zu 25 Prozent ihrer Einkünfte von PKV-Versicherten.

Grundsätzlich will sich die CDU bei diesem Thema nicht verweigern. „Wir machen da gerne mit“, sagte Maag dazu, „wenn die SPD mir vorher sagt, wo die sechs Milliarden Euro herkommen, die das kostet.“ Die sechs Milliarden Euro sind die Summe, mit der die PKV derzeit jedes Jahr mehr für Arzthonorare ausgibt, als es ihrem Anteil an Versicherten entspricht. Man könnte also davon sprechen, dass sie in dieser Größenordnung die ärztliche Versorgung der gesetzlich Versicherten subventioniert. Auch der Krankenhausbereich profitiert davon, dass es Privatversicherte gibt, so Maag. Allerdings falle der Vorteil mit 630 Millionen Euro weitaus geringer aus. „Dies liegt daran, dass im Krankenhaus die Vergütungen für alle gleich sind. Privatpatienten zahlen lediglich für Wahlleistungen wie Chefarztbehandlung oder Ein- und Zweibettzimmer mehr.“

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Union signalisiert verhaltene Gesprächsbereitschaft
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Krankenkassen - Optionen jenseits der Bürgerversicherung

0 Kommentare zu "Krankenkassen: Optionen jenseits der Bürgerversicherung "

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%