Krankenkassen
Vermögen der AOK wächst weiter

Das Vermögen der AOK wächst, obwohl ihre Versicherten absolut weniger Beiträge als bei der Konkurrenz zahlen. Gründe liegen im Finanzausgleich der Krankenkassen – und an Befangenheit im Gesundheitssystem.
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BerlinDie gute Konjunktur- und Beschäftigungslage sorgen dafür, dass alle Krankenkassen im ersten Halbjahr schwarzen Zahlen geschrieben haben. Dabei fällt ein Detail zum wiederholten Male auf: Keine Kassenart schloss so gut ab wie die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK). Vom bisherigen Gesamtüberschuss in Höhe von 1,4 Milliarden Euro verbuchten die Ortskrankenkassen allein 650 Millionen Euro – das sind 47 Prozent.

Der Überschuss der Ortskrankenkassen je Mitglied lag mit 32 Euro deutlich über dem der Betriebskrankenkassen (13,80 Euro) und knapp ein Drittel über dem Überschuss der Ersatz- und Innungskrankenkassen (21 und 23 Euro). Dies belegt das offizielle Halbjahresergebnis aller gesetzlichen Krankenkassen, das dem Handelsblatt vorliegt.

Dabei sind nur 37 Prozent der 55,8 Millionen Beitragszahler bei einer AOK versichert und zahlen absolut bei den Ortskrankenkassen deutlich geringere Zusatzbeiträge. Die Mitglieder der Ortskrankenkassen zahlten einen Zusatzbeitrag von durchschnittlich nur 118 Euro. Bei Betriebskrankenkassen mussten die Mitglieder im ersten Halbjahr durchschnittlich 137 Euro von ihrem Nettoeinkommen zusätzlich zum allgemeinen Beitragssatz überweisen, die Mitglieder der Ersatzkassen wie Barmer und DAK zahlten 139 Euro zusätzlich und die der Innungskrankenkassen sogar 150 Euro.

Das bedeutet: AOK-Versicherte zahlen im Durchschnitt weniger Beitrag – trotzdem wächst das Vermögen der AOK von Monat zu Monat. Die Folge: Mit über acht Milliarden Euro entfällt fast die Hälfte der 17,2 Milliarden Euro Rücklagen im gesetzlichen Krankenversicherungssystem auf die Ortskrankenkassen. Je Mitglied hat die AOK dadurch 400 Euro auf der hohen Kante. Im Kassendurchschnitt sind es nur 300 Euro.

Der AOK Verband führt die überdurchschnittlich gute Finanzlage darauf zurück, dass die Kassen in jüngster Zeit vor allem viele junge Mitglieder neu gewonnen hätten. Auch die Leistungsausgaben entwickelten sich günstiger als bei anderen Krankenkassen.

Kritiker der AOK halten dagegen: Solche Faktoren könnten die Schieflage bei den Finanzierungsströmen im Gesundheitssystem nicht hinreichend erklären. Sie machen für das Ungleichgewicht den Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen verantwortlich, über den die Durchschnittskosten von 80 Krankheiten ausgeglichen werden.

Seit 2009 hängen die Beitragseinnahmen einer einzelnen Kasse nicht mehr in erster Linie von der Konjunktur sowie von Zahl und Einkommen ihrer Versicherten ab. Vielmehr muss jede Kasse ihre Beitragseinnahmen vollständig an den Gesundheitsfonds überweisen. Dieser schüttet dann jeden Monat aus den gesamten Einnahmen und dem jährlichen Steuerzuschuss von rund 14 Milliarden Euro eine festgelegte Kopfpauschale pro Versicherten an die Krankenkassen aus.

Diese Pauschale ist gestaffelt nach bestimmten Kriterien wie Alter, Geschlecht, Erwerbsminderungsstatus der Versicherten und der daran gekoppelten durchschnittlichen Gesundheitsausgaben. Zusätzlich gibt es Zuschläge für 80 Krankheiten. Kommen die Kassen mit diesen Zuweisungen nicht aus, müssen sie einen prozentualen Zusatzbeitragssatz erheben. Die Einnahmen aus diesem Zusatzbeitrag können sich bei den Kassen unterjährig erhöhen, die Zuweisungen aus dem Fonds dagegen sind fix.

„Die Musik für Kassen wie die AOK spielt bei diesen Zuweisungen deshalb vor allem im krankheitsorientierten Teil des Finanzausgleichs“, sagt Gerd Glaeske. Der Bremer Gesundheitsökonom weiß wovon er redet. Er war Vorsitzender des Beirats, der seinerzeit die Entwicklung des neuen Finanzausgleichs wissenschaftlich begleitet hat.

„Die Gretchenfrage lautete damals: Welche 80 Krankheiten nehmen wir, um einen neuen stärkeren Finanzausgleich zu erreichen, der für die Kassen möglichst faire Wettbewerbsbedingungen schafft und nicht manipulationsanfällig ist?“ Bis dahin wurden Unterschiede in der „Morbiditätslast“ zwischen den Krankenkassen im Ausgleich überhaupt nicht berücksichtigt.

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