Krankenversicherung der Zukunft: Leider bürgerversichert?

Krankenversicherung der Zukunft
Leider bürgerversichert?

Ärzte und Privatpatienten mögen die Einheitsversicherung nicht, für die Rot-Grün kämpft. Jetzt ist auch die Wirtschaft alarmiert. Eine exklusive Studie nennt den Grund: Die Lohnnebenkosten würden massiv steigen.
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DüsseldorfDer Eingang zum Krankenhaus im noblen Taunus-Städtchen Bad Soden ist zweigeteilt. Rechts gehen die Kassenpatienten hinein, vorbei am Kaffeeautomaten, vor dem Patienten im gestreiften Bademantel eine kleine Schlange gebildet haben. Hinten ist der Warteraum zur Aufnahme, im Treppenhaus künden Bohrlöcher und helle Stellen an der Wand davon, dass hier einmal Bilder gehangen haben. Der linke Eingang ist für Privatpatienten, ein Portier empfängt sie, geleitet sie zum Ledersofa und fragt, ob es vielleicht ein Tässchen Kaffee sein darf. Die Vermutung, dass nicht nur der Kaffee, sondern auch die medizinische Behandlung besser ist, lassen die Ärzte, die die Patienten hinter dem linken Eingang empfangen, unwidersprochen. Deutschland hat eine Zwei-Klassen-Medizin. Damit allerdings soll Schluss sein.

So will es jedenfalls die Opposition. Rot-Grün plant die Bürgerversicherung. Schwarz-Gelb lehnt sie strikt ab. Das Thema könnte noch ein Wahlkampfschlager werden. Nächste Woche, beim Bundesärztetag in Hannover steht es schon ganz oben auf der Tagesordnung.

Das Konzept der Bürgerversicherung sieht in groben Zügen vor, die Versicherten von gesetzlichen Kassen und privaten Versicherern in einem System zu vereinen. Das provoziert die Vertreter der Gesundheitsindustrie. „Wir halten die Bürgerversicherung für eine absolute Fehlentwicklung“, erklärt der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery schon vor dem Ärzte-Treffen. Diese würde sich rasch zu einem „Turbolader in die Zwei-Klassen-Medizin“ erweisen, glaubt er, wobei er nicht hinzufügt, dass es die schon jetzt gibt, siehe Bad Soden.

Wer es sich leisten könne, werde künftig neben der Bürgerversicherung Zusatzversicherungen abschließen, glaubt Montgomery. Er sieht, dass sich das Problem dadurch weiter verschärft. Eine Einheitsversicherung würde zehntausende Arbeitsplätze vernichten und der Krankenversorgung Geld in Milliardenhöhe entziehen. Vorsorglich legten die Ärzte ein alternatives Finanzierungskonzept vor, welches die Trennung zwischen gesetzlicher und privater Krankenkasse beibehält. „Gäbe es die Trennung nicht, gäbe es keinen Qualitäts- und Leistungsdruck in der gesetzlichen Krankenversicherung“, sagt Montgomery.

Der Verband der privaten Krankenversicherer nutzt diesen Rückenwind. Vor dem Hintergrund der Umfrage eines Wirtschaftsmagazins, nachdem 87 Prozent der niedergelassenen Ärzte den Umbau des Gesundheitssystems ablehnen, warnt der Verband der privaten Krankenversicherer bereits vor Leistungskürzungen. „Eine Einheitskasse brächte massive Einschnitte in die Berufs- und Therapiefreiheit der Ärzte“, sagt Reinhold Schulte, Vorsitzender des Verbands der Privaten Krankenversicherung (PKV). „Zwangsläufige Folgen wären längere Wartezeiten, Praxisschließungen, eine schlechtere medizinische Versorgung, weniger Innovation und schließlich echte Zwei-Klassen-Medizin“.

Es sind jedoch nicht nur die Ärzte und Versicherer, die ihre Argumente schärfen. Auch die Wirtschaft warnt. Eine Studie im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), zu der auch die um ihre Existenz kämpfenden privaten Krankenkassen gehören, liegt Handelsblatt Online exklusiv vor. Die Autoren monieren darin Unsicherheiten bei der langfristigen Finanzierung der gesetzlichen Krankenkassen, schlechtere medizinische Infrastruktur sowie vor allem: höhere Kosten für Versicherte und Arbeitgeber, die die Bürgerversicherung den Versicherten beschert.

„Die Bürgerversicherung ist eine schlechte Versicherung für die Bürger,“ sagt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer des vbw. „Sie führt dazu, dass sich die Kosten dort erhöhen, wo wir stark sind – in den Wirtschaftsbereichen, in denen geforscht und entwickelt wird und die Löhne hoch sind“. Die Wettbewerbsfähigkeit und der Wohlstand seien bedroht.

Kommentare zu " Krankenversicherung der Zukunft: Leider bürgerversichert?"

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  • Die PKV-Lobby lärmt mal wieder und warnt vor dem Untergang des deutschen Gesundheitswesens. Dafür werden sie bezahlt und man sollte das nicht allzu ernst nehmen. Den größten Vorteil von der allgemeinen Einführung der Bürgerversicherung hätten m.E. diejenigen, die in der PKV gefangen sind und unter hohen Beiträgen leiden. Diesen Kundenkreis wollen sich die privaten Versicherungen natürlich erhalten.

  • Deutschland hat eines der besten Gesundheitssysteme weltweit, wobei allen Versicherten - egal ob gesetzlich oder privat- bei kurzen Wartezeiten ein flächendeckendes Netz von Haus- und Fachärzten Kliniken und Apotheken zur Verfügung steht.

    Man könnte auch sagen : Wo ist das Problem???

    Unser Gesundheitssystem ist zu kostbar um es mit grundlosen Radikaloperationen nzu gefährden.

    Eine Bürgerversicherung funktioniert bereits seit Jahren in England nicht. Alle Zahlen sprechen für den Erhalt der PKV, wenn man sich intensiv mit dem Thema beschäftigt.

    Wenn ein gesetzliches System auf Dauer (Stichwort Demographie) mit 90% der Bevölkerung nicht funktioniert, wird es das mit 10% mehr aus der PKV auch nicht schaffen!

    Es verkauft sich bei 90% der Deutschen sehr gut zu versprechen, dass die "Abschaffung" der PKV eine Leistungsverbesserung bringen würde. De Facto leisten die rund 10% Privatpatienten rund 28% der Gestamskosten des Gesundheitssystem und das gänzlich ohne Staatszuschuss (15 Mrd.EUR p.a.). Eine Abschaffung würde also vereinfacht 18% mehr Kostenlast ins GKV-System bringen. Tolle Sache!

    Dann doch lieber ein gesundes Nebeneinander von GKV und PKV, mit einem medizinischen Standard, um den uns die ganze Welt beneidet.

  • Ich bin für das Konzept der Linken. (wähle sie aber aus anderen Gründen dennoch nicht)

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