Krankenversicherung der Zukunft Leider bürgerversichert?

Ärzte und Privatpatienten mögen die Einheitsversicherung nicht, für die Rot-Grün kämpft. Jetzt ist auch die Wirtschaft alarmiert. Eine exklusive Studie nennt den Grund: Die Lohnnebenkosten würden massiv steigen.
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Krankenversicherung der Zukunft: Leider bürgerversichert? Quelle: ap

Im Einsatz für die Mediziner: Frank-Ulrich Montgomery, Präsident des Marburger Bundes, bei einer Demonstration auf dem Ärztetag.

(Foto: ap)

DüsseldorfDer Eingang zum Krankenhaus im noblen Taunus-Städtchen Bad Soden ist zweigeteilt. Rechts gehen die Kassenpatienten hinein, vorbei am Kaffeeautomaten, vor dem Patienten im gestreiften Bademantel eine kleine Schlange gebildet haben. Hinten ist der Warteraum zur Aufnahme, im Treppenhaus künden Bohrlöcher und helle Stellen an der Wand davon, dass hier einmal Bilder gehangen haben. Der linke Eingang ist für Privatpatienten, ein Portier empfängt sie, geleitet sie zum Ledersofa und fragt, ob es vielleicht ein Tässchen Kaffee sein darf. Die Vermutung, dass nicht nur der Kaffee, sondern auch die medizinische Behandlung besser ist, lassen die Ärzte, die die Patienten hinter dem linken Eingang empfangen, unwidersprochen. Deutschland hat eine Zwei-Klassen-Medizin. Damit allerdings soll Schluss sein.

So will es jedenfalls die Opposition. Rot-Grün plant die Bürgerversicherung. Schwarz-Gelb lehnt sie strikt ab. Das Thema könnte noch ein Wahlkampfschlager werden. Nächste Woche, beim Bundesärztetag in Hannover steht es schon ganz oben auf der Tagesordnung.

Das Konzept der Bürgerversicherung sieht in groben Zügen vor, die Versicherten von gesetzlichen Kassen und privaten Versicherern in einem System zu vereinen. Das provoziert die Vertreter der Gesundheitsindustrie. „Wir halten die Bürgerversicherung für eine absolute Fehlentwicklung“, erklärt der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery schon vor dem Ärzte-Treffen. Diese würde sich rasch zu einem „Turbolader in die Zwei-Klassen-Medizin“ erweisen, glaubt er, wobei er nicht hinzufügt, dass es die schon jetzt gibt, siehe Bad Soden.

Wer es sich leisten könne, werde künftig neben der Bürgerversicherung Zusatzversicherungen abschließen, glaubt Montgomery. Er sieht, dass sich das Problem dadurch weiter verschärft. Eine Einheitsversicherung würde zehntausende Arbeitsplätze vernichten und der Krankenversorgung Geld in Milliardenhöhe entziehen. Vorsorglich legten die Ärzte ein alternatives Finanzierungskonzept vor, welches die Trennung zwischen gesetzlicher und privater Krankenkasse beibehält. „Gäbe es die Trennung nicht, gäbe es keinen Qualitäts- und Leistungsdruck in der gesetzlichen Krankenversicherung“, sagt Montgomery.

Der Verband der privaten Krankenversicherer nutzt diesen Rückenwind. Vor dem Hintergrund der Umfrage eines Wirtschaftsmagazins, nachdem 87 Prozent der niedergelassenen Ärzte den Umbau des Gesundheitssystems ablehnen, warnt der Verband der privaten Krankenversicherer bereits vor Leistungskürzungen. „Eine Einheitskasse brächte massive Einschnitte in die Berufs- und Therapiefreiheit der Ärzte“, sagt Reinhold Schulte, Vorsitzender des Verbands der Privaten Krankenversicherung (PKV). „Zwangsläufige Folgen wären längere Wartezeiten, Praxisschließungen, eine schlechtere medizinische Versorgung, weniger Innovation und schließlich echte Zwei-Klassen-Medizin“.

Es sind jedoch nicht nur die Ärzte und Versicherer, die ihre Argumente schärfen. Auch die Wirtschaft warnt. Eine Studie im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), zu der auch die um ihre Existenz kämpfenden privaten Krankenkassen gehören, liegt Handelsblatt Online exklusiv vor. Die Autoren monieren darin Unsicherheiten bei der langfristigen Finanzierung der gesetzlichen Krankenkassen, schlechtere medizinische Infrastruktur sowie vor allem: höhere Kosten für Versicherte und Arbeitgeber, die die Bürgerversicherung den Versicherten beschert.

„Die Bürgerversicherung ist eine schlechte Versicherung für die Bürger,“ sagt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer des vbw. „Sie führt dazu, dass sich die Kosten dort erhöhen, wo wir stark sind – in den Wirtschaftsbereichen, in denen geforscht und entwickelt wird und die Löhne hoch sind“. Die Wettbewerbsfähigkeit und der Wohlstand seien bedroht.

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61 Kommentare zu "Krankenversicherung der Zukunft: Leider bürgerversichert?"

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  • Deutschland hat eines der besten Gesundheitssysteme weltweit, wobei allen Versicherten - egal ob gesetzlich oder privat- bei kurzen Wartezeiten ein flächendeckendes Netz von Haus- und Fachärzten Kliniken und Apotheken zur Verfügung steht.

    Man könnte auch sagen : Wo ist das Problem???

    Unser Gesundheitssystem ist zu kostbar um es mit grundlosen Radikaloperationen nzu gefährden.

    Eine Bürgerversicherung funktioniert bereits seit Jahren in England nicht. Alle Zahlen sprechen für den Erhalt der PKV, wenn man sich intensiv mit dem Thema beschäftigt.

    Wenn ein gesetzliches System auf Dauer (Stichwort Demographie) mit 90% der Bevölkerung nicht funktioniert, wird es das mit 10% mehr aus der PKV auch nicht schaffen!

    Es verkauft sich bei 90% der Deutschen sehr gut zu versprechen, dass die "Abschaffung" der PKV eine Leistungsverbesserung bringen würde. De Facto leisten die rund 10% Privatpatienten rund 28% der Gestamskosten des Gesundheitssystem und das gänzlich ohne Staatszuschuss (15 Mrd.EUR p.a.). Eine Abschaffung würde also vereinfacht 18% mehr Kostenlast ins GKV-System bringen. Tolle Sache!

    Dann doch lieber ein gesundes Nebeneinander von GKV und PKV, mit einem medizinischen Standard, um den uns die ganze Welt beneidet.

  • Ich bin für das Konzept der Linken. (wähle sie aber aus anderen Gründen dennoch nicht)

  • Das sehen Sie, wie ihr Vorgänger im Text, völlig falsch: Die Bürgerversicherung beruht auf dem Gedanken der Allmende: Krankenversicherung wird ein Gemeinschaftsgut und seine Potenz, soweit sie dann noch eine hat, entsprechend den „Bedürfnissen“ der Nutzer gleichmäßig und gerecht verteilt. Das muß uns schon stutzig machen, gehört doch dieser Gerechtigkeitsbegriff ins Repertoire des Sozialismus und seinem Endzustand, dem Kommunismus, die doch nun endlich gründlich gescheitert sein sollten. Bereits Thomas Morus schrieb im 15. Jhd. in Utopia, daß er sich nicht vorstellen könne, daß eine komplette Auswechselung von Privateigentum gegen Gemeingut eine gerechte Bedarfsbefriedigung mit notwendigen Gütern garantiere. Deshalb nennt er den Berichterstatter vom Staate Utopia Hythlodaeus, d.h. der „ Leeres Redende“. Und Thomas Morus, der ja auch ein kluger politischer Kopf sein sollte, distanziert sich gleich von seinem Utopia, mit dem Hinweis, daß er davon gehört habe und das nur weiter gebe.
    Und wenn Ihnen das alles nicht genügt, dann studieren Sie doch mal die Bürgerversicherung am Modell England oder Schweden – dann wird Ihnen jetzt gleich Hören und Sehen vergehn und Sie brauchen es gar nicht erst zu probieren, wie es gehen könnte. Goethe sagt dazu: Getretner Quark wir breit, nicht stark.

  • Völlig richtig, das ganze System läuft auf die leistungsfeindliche Sozialisierung von Gesundheitskosten hinaus. Das hatten wir schon in der DDR und UDSSR. Beide Systeme sind fundamental gescheitert. Aber manche Gleichmacher in der SPDGRUENELINKECDU sind einfach nicht lernfähig, deshalb meist auch beruflich weit unten. Ihren Frust lassen Sie dann mit ihrem Neid an den Leistungsträgern der Wirtschaft raus.

  • Eins ist ganz offensichtlich, die pervertierte Medizin-Industrie fürchtet um ihre Pfründe.
    Da kann man davon ausgehen, dass es für die Versicherten dann besser werden würde.
    Mit einer Bürgerversicherung hört nämlich vielleicht endlich diese grenzenlose Bedienung der pervertierten Medizin-Industrie auf.
    Haben sich die GKV´s doch inzwischen zur Abzockeranstalt für das Medizin-Kartell entpuppt. Die Solidarität gilt schon lange nicht mehr den Versicherten, sondern gilt der Medizin-Industrie auf Kosten der Versicherten! Das muss aufhören!!!

  • @Humanist
    „…Deren Beiträge für Krankheit und Pflege sind von 2001 bis 2011, ohne Sonderbeiträge wie Praxisgebühren etc., um rd. 58,3% gestiegen…“
    Das ist doch klar. Hier sind ja auch alle diejenigen versammelt, die nicht genug verdienen, aber genauso oft krank werden wie andere Menschen. Wenn man nur 1-€-Jobs schafft oder die Praktikanten sich im Hamsterrad drehen lässt und nicht einmal Mindestlöhne bei den Arbeitnehmern zulässt, dann KÖNNEN die Leistungen der GKV ja nicht gleich bleiben bzw. dann KÖNNEN die Beiträge nicht gleich bleiben. Die sog. Besserverdiener haben sich ja aus dieser Solidargemeinschaft längst ausgeklinkt.

    Bei einer echten Bürgerversicherung würden alle entsprechend ihres Einkommens einzahlen – die geringer Verdienenden würden entlastet, die besser Verdienenden müssten deutlich mehr bezahlen als jetzt, wo sie nach ihrer Risikogruppe erfasst werden und da sie sich ja höchstens mal einen Fingernagel abbrechen können, sind sie natürlich z.Zt. besser dran.
    Es ist klar, dass diese Bevölkerungsgruppe große Angst vor der Bürgerversicherung hat – müsste sie dann doch ihre wirkliche Solidarität unter Beweis stellen und nicht nur zu Weihnachten steuervergünstigt spenden.
    Und da sehr wahrscheinlich die Durchschnittskosten der Krankenversicherung sinken würden, da sie auf mehrere Schultern verteilt würden, kann ich auch nicht erkennen, warum die Lohnnebenkosten steigen sollten. Die Zahl der Arbeiter bzw. Angestellten wächst dadurch doch nicht plötzlich, in der Summe dürfte es für den Arbeitgeber gleich bleiben - es kommen nur die Selbständigen etc. hinzu. Die aber haben nichts mit Lohnnebenkosten zu tun.
    Und mit der AfD, die ich NATÜRLICH auch wählen werde, hat das übrigens auch nichts zu tun.

  • Eines ist sicher im System der Bürgerversicherung: Die Beiträge werden permanent stark steigen und die Leistungen werden ebenso permanent stark abgesenkt, um das Überleben der Kassen zu gewährleisten. Das ist ja das System der GKV jetzt: Deren Beiträge für Krankheit und Pflege sind von 2001 bis 2011, ohne Sonderbeiträge wie Praxisgebühren etc., um rd. 58,3% gestiegen, das sind 5,8% p.a., und die Leistungen sind permanent abgesenkt worden: Das Preis/Leistungsverhältnis hat sich sicherlich um das Doppelte der oben genannten nominellen Beitragsteigerungen verschlechtert. Ansprechende Leistungen bei ernsthaften Erkrankungen findet man heute doch nur noch in wenigen Krankenhäusern der Exzellenzklasse. Niedergelassene Ärzte haben wegen der Art der Vergütungen der GKV alle Hände voll zu tun, sich die rasche Folge der vielen Patientengesichter zu merken und können sich um medizinische Details ihrer Patienten nicht auch noch kümmern oder gar mit Forschung und Fortbildung beschäftigen. In der Versorgung mit Medikamenten und Hilfsmittel sieht es doch nicht besser aus, wenn man hohe Zuzahlungen oder die volle Bezahlung über Privatrezepte vermeiden will. Aber heute gibt es noch bezahlbare Hilfe, wenn der Patient mal etwas tiefer in die Tasche greift und das über Zusatzversicherungen der PKV absichert. Das wird mit Sicherheit auch bei einer Bürgerversicherung der Fall sein, nur wird alles sehr viel teurer und möglicherweise unbezahlbar, wenn man sich nicht mehr wenigstens stationär und zahnärztlich über einen privaten Tarif absichern kann. Da kommen bittere Zeiten auf alle zu, wenn wir uns nicht endlich von diesem monolithischen Parteienblock lösen und etwas Vertretbares in die Parlamente schicken:
    Machen wir den Anfang im September mit der AfD, damit uns der lebensgefährliche Weg nicht so lang wird.

  • „Eine Einheitsversicherung würde zehntausende Arbeitsplätze vernichten und der Krankenversorgung Geld in Milliardenhöhe entziehen.“

    Ich habe nichts dagegen, dass dem Gesundheitssystem Milliarden entzogen würden – falls es überhaupt dazu käme.
    Denn die Deutschen sind falsch versorgt.
    Bei den Kassenpatienten wird gespart, was das Zeug hält. Sie sind unterversorgt.
    Den Privatpatienten dagegen wird Unnötiges aufgeschwatzt, weil man an ihnen gut verdient. Sie sind also überversorgt.
    So ein System kann doch nur falsch sein.
    Und dass „zehntausende Arbeitsplätze vernichtet“ würden ist Humbug, siehe die Schweiz.
    Ich befürworte ein für alle gleiches System, indem Vernünftiges und Notwendiges finanziert wird.
    Wer vom Chefarzt behandelt werden will oder im Einzelzimmer liegen will, soll dazubezahlen. Dafür gibt es ja Versicherungen – auch bei einer Bürgerversicherung.
    Der Grund, warum es plötzlich haufenweise Bedenkenträger gibt, ist doch völlig klar:
    Die Gutverdiener müssten nämlich statt wie bisher nach ihrem Krankheitsrisiko nach der Höhe ihres Einkommens Beiträge bezahlen. Die Beiträge würden sich dadurch extrem erhöhen, während sich die Beiträge der Durchschnittsverdiener wahrscheinlich senken würden. Ist doch klar, wenn die Beitragsbemessungsgrenze künftig wegfiele… dann müssten ja auch diejenigen, die mehr als (ca.) 3700 Euro verdienen, ihren entsprechenden Anteil einzahlen.
    Mit der Betonung auf ENTSPRECHEND.
    DAS ist der Grund, warum unsere Abgeordneten gegen die Bürgerversicherung stimmen werden.
    Es sägt sich doch niemand den Ast ab, auf dem er selbst sitzt.

  • Die Lohnnebenkosten sind doch kein Problem...
    ---
    Sowas kann nur jemand behaupten, der selbst noch nie einen Arbeitsplatz geschaffen hat.

  • Klar, aber sieh's doch mal ganzheitlich. Übrigens heisst es: ...Unternehmer...dass seine Angestellten...macht nix, Deutsch ist schwierig.

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