Kriminalität im Netz
„Das Internet ist zum Haupttatort geworden“

IT-Unternehmen und Internet-Nutzer müssen ihre Anstrengungen vehement verstärken, um der immer professioneller organisierten IT-Kriminalität Paroli bieten zu können. Jörg Ziercke, Chef des Bundeskriminalamtes (BKA) und Dieter Kempf, Präsidiumsmitglied des Branchenverbands Bitkom, riefen angesichts steigender krimineller Angriffe auf den Online-Verkehr in Deutschland zu verstärkten Präventionsmaßnahmen auf.

BERLIN. Insbesondere der Betrug bei Online-Banking und der digitale Identitätsdiebstahl („Phishing“) werden von internationaler Organisationen forciert betrieben. „Der Angriff auf Online-Überweisungen ist der Bankraub von heute“, beschwor Ziercke ein drastisches Kriminalitätsszenario herauf. „Im Vergleich zu 2007 stiegen die Betrugsfälle beim Online-Banking um 50 Prozent. Das Internet ist zum Haupttatort avanciert.“

Hatte die Einführung der Verschlüsselung mit Zahlencodes (i-Tan) beim Online-Banking 2008 zunächst die Fallzahlen stark gesenkt, steigen sie nun wieder an. Da sich die Täter laut BKA „den veränderten technischen Gegebenheiten sehr schnell angepasst“ hätten, gilt das i-Tan-Verfahren als „weit weniger sicher als angenommen“, so der BKA-Präsident. 2 900 Betrugsfälle wurden im vergangenen Jahr bekannt. In 1 900 Fällen wurden insgesamt sieben Mill. Euro in Deutschland illegal abgehoben. Rund 24 Millionen Deutsche erledigen ihre Bankgeschäfte im Internet, das sind rund 38 Prozent aller Bürger zwischen 16 und 74.

Ohne sich explizit mit Forderungen in die Koalitionsverhandlungen einmischen zu wollen, machte Ziercke dennoch klar, dass Strafverfolgungsbehörden ohne Vorratsspeicherung von Online-Daten aufgeschmissen wären. Die Polizei stehe bei der IT-Kriminalität vor der neuen Aufgabe, kriminelle Handlungen weltweit vernetzter Täter extrem zeitnah verfolgen und beweisen zu müssen. Ohne die Vorratsspeicherung von Verbindungsdaten kämen die Behörden zu spät, da sich nicht nur die Täter sondern auch die Tatorte (im Netz) verflüchtigen.

So konnte das IT-Verbrechen 2008 Rekordzahlen schreiben. Die auf diesem relativ neuen Kriminalitätsfeld außergewöhnlich hohe Dunkelziffer unberücksichtigt, stieg die Zahl der erkannten Straftaten im Online-Bereich Deutschlands von 2007 bis 2008 um elf Prozent auf 37 900 Fälle. Computerbetrug nahm um 4,5 Prozent zu. Zudem wurden 2008 in den Bereichen Ausspähen/Abfangen von Daten, zum Beispiel über elektronische Spione wie Trojaner, enorme Zuwächse erkannt (plus 60 Prozent). Bei der Datenfälschung stieg die Zahl der erkannten Verbrechen um 30 Prozent. Börsenmanipulation und Warenbetrug waren weitere Schwerpunkte. Ziercke bilanzierte bei 167 000 Fällen einen bekannt gewordenen Schaden von 40 Mio. Euro.

Besonders heikle Webseiten sind soziale Netzwerkseiten wie Facebook, aber auch Paypal-Seiten, E-Mail-Zugänge, Aktiendepots, Online-Vertriebsportale und Firmenwebserver. Dort greifen Täter „die gesamte digitale Identität der Internetnutzer“ ab.

Die Daten werden in einer regelrechten Untergrund-Wirtschaft verdealt. „Die Wirtschaft als Anbieter und Entwickler von Internetdienstleistungen ist gefordert. Dienstleistungen und Produkte müssen an den Sicherheitsanforderungen ausgerichtet werden“, so die Forderung des BKA-Präsidenten.

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