Krisengewinnler
Christian Wulff: Im Auge des Sturms

VW gegen Porsche, Conti gegen Schaeffler. Man weiß nicht, wie die beiden Duelle enden, aber einer wird in jedem Fall gewinnen: Christian Wulff. Niedersachsens Regierungschef steuert sein Land lautlos durch die Krise und ist so zur Nummer zwei in der CDU aufgerückt

HANNOVER/HAMBURG. Ein lauer Frühsommerabend, eine Villa im toskanischen Stil, ein entspannter Gastgeber. Christian Wulff hat in das Gästehaus der Landesregierung geladen, eine Haus aus der Jahrhundertwende im Stil der Neorenaissance. Stehtische auf der Terrasse, ein Kiesweg führt durch den ausladenden Garten. Und Niedersachsens Regierungschef spricht über Wirtschaftspolitik, über die Krise und sein Land. Es ist ein schöner Anlass. Wulff hat gute Nachrichten zu verkünden. "Wir spüren die Krise weniger als andere", sagt er. Im Schnelldurchlauf geht er Niedersachsens Vorzeigeunternehmen durch: VW, Salzgitter, Talanx-Versicherungen, Hannoversche-Rück-Gruppe, alles gut so weit. Außerdem sind bei Tui die Dinge geklärt, nicht einmal für seine Landesbank muss Wulff sich schämen.

Noch vor wenigen Monaten sah das ganz anders aus. Da setzte Porsche-Chef Wendelin Wiedeking alles daran, den Autoriesen VW zu einem Ableger des Stuttgarter Sportwagenbauers zu machen. Wulff, Aufsichtsrat bei VW, konnte nichts tun. In einem ähnlichen Industriedrama versuchte Maria-Elisabeth Schaeffler mit ihrem fränkischen Familienunternehmen, den großen Autozulieferer Continental, Sitz in Hannover, zu übernehmen. Es sah so aus, als würden Wolfsburg und Hannover die Kontrolle verlieren und mit ihnen: Wulff. Als gäbe es bald schon kein einziges Dax-30-Unternehmen mehr in Niedersachsen.

Die Machtverhältnisse haben sich verschoben, zu Wulffs Gunsten. Gut möglich, dass Porsche künftig von VW und damit von Wolfsburg aus kontrolliert wird. Maria-Elisabeth Schaeffler und ihr Sohn Georg müssen damit rechnen, ihrerseits von Conti geschluckt zu werden. Wenn es darum geht, dass der Staat mit Krediten oder Bürgschaften hilft, entscheidet Wulff mit. Es gibt in seinem Land nun drei Dax-30-Unternehmen: VW, Salzgitter AG, die Hannoversche Rück. Und auch die Conti-Chefs machen sich Hoffnung, in die Champions-League der deutschen Unternehmen aufzurücken. Und im ewigen Wettstreit der CDU-Ministerpräsidenten um den Platz Nummer zwei nach Angela Merkel liegt Christian Wulff vorn.

Das liegt an der Krise und daran, dass Wulff ein Politiker ist, der wie gemacht ist für diese Krise. Farblos, aber akribisch. Ein bisschen langweilig, aber gut im Stoff. Eigenschaften sind das, die einen im Politikalltag, im testosteronstrotzenden Wettbewerb der Alphatierchen nicht unbedingt wie einen Siegertyp aussehen lassen. Die aber Politikern gut anstehen in ernsten Zeiten.

Nirgends zeigt sich das besser als bei VW. Wulff hat den Erfolg gut vorbereitet, bei einem Abendessen in einem kleinen italienischen Restaurant in Berlin. Ausgerechnet mit jener Frau, mit der Wulff seit Jahren ein sehr wechselhaftes Verhältnis verbindet: Angela Merkel.

15. April 2008. Merkel und Wulff treffen sich, abseits von Sitzungssälen und Kanzleramt, bei einem kleinen Italiener im Berliner Stadtteil Charlottenburg. Sale et Pepe, Salz und Pfeffer, der Name ist schlicht wie die Einrichtung. Die Tische stehen eng gedrängt, die italienische Küche ist ohne Schnickschnack. Politiker gehen dort gern hin, wenn die Welt am nächsten Tag nicht in der Zeitung davon erfahren soll. Zu vorgerückter Stunde zückt Wulff einen Vermerk mit dem sperrigen Titel " VW-Gespräch mit BK Merkel, Berlin".

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