Kritik an der Pharmalobby und der FDP
"Wir haben eine Zwei-Klassen-Medizin"

In Deutschland herrscht nach Ansicht von Regierungsberater Karl Lauterbach eine „Zwei-Klassen-Medizin“, unter der Kassenversicherte leiden müssen. Nützen könne das gegenwärtige System nur Privatversicherten, beklagte Lauterbach. Das solle die SPD einsehen. Als Ausweg warb er für sein Modell der Bürgerversicherung, in die alle einzahlen müssten und die Wohlhabenden höhere Beiträge abverlangen würde. Er warf Lobbyisten vor, nötige Veränderungen zu „sabotieren“.

HB BERLIN. "Ja, wir haben eine Zwei-Klassen-Medizin“, sagte der Berater von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt in einem am Donnerstag erscheinenden Interview mit dem Hamburger Magazin Stern. In Deutschland würden etwa Fließbandarbeiter oder Putzfrauen im Schnitt sechs Jahre früher sterben als Professoren oder TV-Moderatorinnen.

„Wir haben in Deutschland eine Zwei-Klassen-Medizin, die den Wohlhabenden, also den Privatversicherten, nützt“, so Lauterbach. „Die Gesellschaft bildet auf Allgemeinkosten Top-Mediziner aus, stellt ihnen Top-Kliniken zur Verfügung. Diese Mediziner behandeln dann fast ausschließlich Privatpatienten, während jene, die dieses System finanzieren, oft von übermüdeten und überlasteten Ärzten behandelt werden.“ Das müsse sich ändern.

Besonders die Interessenverbände würden sich einer Reform verschließen. „Die Lobbygruppen des Beamtenbundes, der Pharmaindustrie, der Apotheken und die Kassenärztlichen Vereinigungen versuchen, die notwendigen Änderungen zu sabotieren“, sagte Lauterbach. Den Vorwurf der FDP, seine Bürgerversicherung sei Sozialismus auf Raten, kontert Lauterbach: „Leute wie FDP-Fraktionschef Gerhardt erscheinen wie Lobbyisten der Pharmaindustrie.“

Obwohl Lauterbachs Vorstellungen zur Bürgerversicherung über Parteigrenzen hinweg umstritten sind, gibt er dem Modell noch Chancen. Die Rürup-Kommission, der Lauterbach angehört, werde sich nicht auf ein Modell festlegen, sondern die Bürgerversicherung und das so genannte Kopfpauschalen-Modell als Alternativen vorstellen, bekräftigte der Berater von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt.

Die Rürup-Kommission, der sowohl Bert Rürup als auch Lauterbach angehören, werde in der kommenden Woche beide Modelle vorstellen. „Die Politik muss sich entscheiden: Will sie die Reichen entlasten, dann wählt sie das Modell Rürup. Will sie die mittleren Einkommen entlasten, dann wählt sie mein Modell.“ Lauterbach zeigt sich zuversichtlich, dass der Bundeskanzler sich für die Bürgerversicherung entscheiden werde: „Ich glaube, dass er sich noch überzeugen lässt.“

Das Kopfpauschalensystem wird von Kommissionschef Bert Rürup propagiert. Dabei müssten alle Erwachsenen unabhängig vom Einkommen rund 210 Euro pro Monat an die Krankenversicherung zahlen. Wer sich das nicht leisten kann, soll Unterstützung aus Steuergeldern bekommen, was den Staat mehr als 20 Milliarden Euro im Jahr kosten würde.

Die Kommission erwäge, zur Finanzierung eine Quasi-Verdoppelung des Solidarbeitrags von 5,5 auf zehn Prozent vorzuschlagen, meldete das Magazin „Focus-Money“. Da der Solidarbeitrag progressiv wirke, verlange er Gutverdienern überproportional viel ab. Derzeit bringe der Beitrag gut zehn Milliarden Euro pro Jahr in die Staatskasse.

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