Kritik an Kohlebeihilfen
Interview: Steinkohle "Nicht um jeden Preis"

Das Thema Energiesicherheit muss auf europäischer Ebene diskutiert werden, meint Fatih Birol, Chefvolkswirt der International Energy Agency (IEA).

HB: Herr Birol, braucht Deutschland die Kohle im Energiesockel?

Birol: Durchaus. Es ist wichtig, einen sicheren Rohstoff in diesem Energiemix zu haben. Der Preis für Kohle ist im Gegensatz zu Öl und Gas relativ stabil, und die Vorkommen sind gleichmäßig in der Welt verteilt, so dass man nicht von Lieferungen aus Krisenregionen abhängig ist. Deutschland braucht einen guten Energiemix, vor allem, weil man sich ja von der Kernenergie verabschieden will.

HB: Aber muss es denn unbedingt deutsche Steinkohle sein?

Birol: Nein, denn der Preis für die Kohle aus heimischer Produktion ist viel zu hoch und muss subventioniert werden. Deutschland könnte ohne Probleme seinen gesamten Bedarf importieren. Die ganzen Subventionen stören nur den freien Wettbewerb und behindern die Entstehung effizienter Energiemärkte.

HB: Könnte Deutschland denn heute komplett auf die Subventionen verzichten?

Birol: Aus energiepolitischer Sicht machen die Kohlehilfen sicherlich keinen Sinn. Etwas anders sieht es natürlich unter sozialen oder beschäftigungspolitischen Gesichtspunkten aus.

HB: Beim Thema Subventionen weist die deutsche Steinkohleindustrie immer auf die hohe Förderung alternativer Energien wie der Windkraft ...

Birol: Die wird heute ja im gleichen Maße vom Staat gefördert wie die Steinkohle. Deutschland muss grundsätzlich eine gute Balance der Energieträger finden, wenn man die Kohlesubventionen zurückfährt und aus der Kernenergie aussteigt. Aus umweltpolitischer Sicht ist die Förderung der alternativen Energien natürlich richtig. Vor allem als Anschub. Aber grundsätzlich gilt auch hier: nicht um jeden Preis.

HB: Macht es denn in Zukunft noch Sinn, in der EU eine nationale Energiepolitik zu verfolgen?

Birol: Wenn man die Trends in Europa und besonders im Zusammenhang mit der Erweiterung verfolgt, sehen wir eine zunehmende Integration der Strom- und Gasmärkte. In zehn Jahren werden wir gar nicht mehr sagen können, ob wir unseren Strom aus Deutschland, Frankreich oder Italien bekommen. Das Thema Energiesicherheit muss auf der europäischen Ebene gelöst werden.

Die Fragen stellte Thomas Wiede.

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