Kritik an Mehdorn
Bund fordert Aufklärung von der Bahn

Nach dem S-Bahn-Chaos in Berlin wächst die Kritik an der Privatisierungpolitik des ehemaligen Bahnchefs Mehdorn. Politiker dem werfen ihm vor, die Privatisierung auf Kosten der Sicherheit vorangetrieben zu haben. Mit Blick auf eine gute Bilanz habe die Bahnführung unakzeptablen Verschleiß in Kauf genommen.

BERLIN. Die erneuten Pannen bei der S-Bahn in Berlin haben eine Debatte über den Privatisierungskurs des ehemaligen Bahn-Vorstandsvorsitzenden Hartmut Mehdorn entfacht. Berlins Regierender Bürgermeister, Klaus Wowereit, warf der Deutschen Bahn AG vor, die Sicherheit zugunsten besserer Bilanzen vernachlässigt zu haben. „Mit Blick auf kurzfristige Überschüsse wurde ein unakzeptabler Verschleiß in Kauf genommen“, sagte Wowereit.

Ähnliche Vermutungen hatte bereits Ulrich Homburg, zuständiger Bahnvorstand für den Personenverkehr, am Montagabend genährt. Auf einer Pressekonferenz verkündete er, dass die Bahn drei Viertel der S-Bahn-Züge aus dem Verkehr nehmen müsse und bezeichnete es als einen „schwarzen Tag für Berlin und die S-Bahn“. Er sagte, die Probleme seien „ein Versäumnis der S-Bahn in der längeren Vergangenheit".

Ähnliche Kritik kam zuletzt von Gegnern des Bahn-Börsengangs. So sah etwa die Mittelfristplanung der S-Bahn von 2002 bis 2007 massive Steigerungen im Betriebsergebnis vor. Gleichzeitig wurden die Investitionen deutlich abgesenkt. Ziel sei es gewesen, in allen Bereichen zu sparen, um eine gute Bilanz vorzulegen und einen Bahnanteil von 24,9 Prozent zu einem guten Preis an private Investoren zu verkaufen.

Nun verlangt auch die Bundesregierung als Alleineigentümer von der Bahn Aufklärung. „Die jüngsten Vorkommnisse haben eine neue Qualität“, sagte der parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Achim Grossmann. „Es geht nicht mehr um Materialfehler.“ Dieses Argument hatte die Bahn in der Vergangenheit oft bei Pannen bemüht. „Die S-Bahn ist für die Wartung der Züge und damit auch der Bremsen selbst verantwortlich“, sagte Grossmann.

Gestern musste die S-Bahn als Tochterunternehmen der Bahn AG zum zweiten Mal binnen vier Monaten etliche Züge wegen Sicherheitsmängeln aus dem Verkehr ziehen. Seit Dienstag fährt in der Hauptstadt nur noch jeder vierte Zug. Die anderen werden wegen Mängeln an den Bremsen gewartet. Voraussichtlich erst im kommenden Jahr wird die Bahn wieder im regelmäßigen Takt fahren. Die S-Bahn befördert unter normalen Umständen 1,3 Millionen Menschen pro Tag.

Die Berliner S-Bahn war bereits nach einem Radbruch Anfang Mai in eine Krise gestürzt: Es stellte sich heraus, dass die Gesellschaft wochenlang wichtige Überprüfungen von Rädern und Achsen hatte schleifen lassen. Das Eisenbahn-Bundesamt als zuständige Sicherheitsbehörde verpflichtete daraufhin die S-Bahn, diese Kontrollen sofort auszuführen. In den vergangenen Wochen hatte sich der Takt im S-Bahn-Verkehr allmählich wieder gesteigert.

Grossmann kündigte an, er wolle in der heutigen Aufsichtsratssitzung der Bahn „nachhaken und unangenehme Fragen stellen“.

Dr. Daniel Delhaes
Daniel Delhaes
Handelsblatt / Korrespondent
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