Kritik an Merkel
Zwischen Bierzelt und KZ-Gedenkstätte

Einen Monat vor der Bundestagswahl besucht Kanzlerin Merkel die KZ-Gedenkstätte Dachau - zwischen zwei Wahlkampfreden. Geschmacklos, wettern die Grünen. Lobenswert, sagt dagegen Charlotte Knobloch.
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Berlin, Dachau, MünchenDer Zeitpunkt von Angela Merkels Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau hat am Dienstag schon vorab für Konfliktstoff gesorgt. Die Kanzlerin wurde am Abend in dem ehemaligen Konzentrationslager erwartet - in einem kurzen Zeitfenster zwischen zwei Wahlkampfauftritten in Erlangen bei Nürnberg und der Stadt Dachau bei München.

„Wer es ernst mit dem Gedenken an einem solchen Ort des Grauens meint, der macht einen solchen Besuch garantiert nicht im Wahlkampf“, sagte die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Renate Künast, der „Leipziger Volkszeitung“ (Dienstag). Sie nannte es eine „geschmacklose und unmögliche Kombination“, dass Merkel direkt nach ihrem KZ-Besuch eine Wahlkampfrede halten will.

Es mache einen beiläufigen Eindruck, „wenn man, kurz bevor man dann ins Festzelt geht, noch den Kranz niederlegt und Betroffenheit äußert, sagte der Historiker Wolfgang Benz dem Bayerischen Rundfunk. "Das ist ein bisschen wenig und das ist sehr, sehr spät."

Die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, verteidigte Merkel dagegen: Es sei „lobenswert, dass die Kanzlerin die Gelegenheit ihres Besuchs in der Region wahrnimmt, um die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers zu besuchen“, sagte sie. „Wir befinden uns im Wahlkampf. Jeder Politiker hat das Recht, sich und seine politischen Ziele und Visionen wo auch immer öffentlich zu präsentieren“, sagte Knobloch, die früher auch Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland war.

Knoblochs Nachfolger als Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, sagte zu „Spiegel Online", er sei dagegen, „dass wir uns jetzt in eine Meckerecke stellen". Hätte die Kanzlerin nur den Wahlkampfauftritt in Dachau wahrgenommen, „hätte man sie wiederum dafür kritisieren können, dass sie nicht die KZ-Gedenkstätte besucht hat." Er werde "auf jeden Fall der letzte Mensch im Land sein, der einen Besuch der Kanzlerin in der KZ-Gedenkstätte in Dachau kritisiert".

Vor Merkel hat noch kein amtierender deutscher Regierungschef das frühere Konzentrationslager in der Nähe von München besucht. Die Kanzlerin war im vergangenen Herbst vom Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer (93) eingeladen worden. Mannheimer will Merkel am Abend an der Gedenkstätte begrüßen. Am Internationalen Mahnmal will sie einen Kranz niederlegen, im Anschluss sind die Besichtigung des Museums und ein Treffen mit Überlebenden geplant.

In ihrem wöchentlichen Video-Podcast hatte Merkel am Wochenende betont, sie sei sehr berührt, dass Mannheimer sie eingeladen habe. Sie reise mit einem „Gefühl der Scham und der Betroffenheit“ nach Dachau. „Denn das, was in den Konzentrationslagern vor sich ging, ist und bleibt unfassbar.“ Sie wisse, „dass das ein nicht einfacher Termin ist“.

Das KZ diente den Nationalsozialisten als Modell für alle späteren Konzentrationslager. In den zwölf Jahren seines Bestehens wurden dort und in zahlreichen Außenlagern mehr als 200 000 Menschen aus ganz Europa gefangen gehalten. Mehr als 43.000 Häftlinge wurden ermordet.

afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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