Kultusminister sollen Vorschlag zustimmen
Experten wollen Reform der Rechtschreibreform

Die Rechtschreibreform soll nach Meinung eines Expertengremiums kurz vor der verbindlichen Einführung im August in wesentlichen Punkten nochmals geändert werden.

HB MÜNCHEN. Eine Expertengruppe des Rats für deutsche Rechtschreibung schlage bei der umstrittenen Getrenntschreibung vor, wieder differenzierter vorzugehen und entweder zwei Varianten zuzulassen oder zur alten Rechtschreibung zurückzukehren, sagte der Vorsitzende des Rats, Hans Zehetmair, am Freitag in München. So solle „kennen lernen“ anders als bislang vorgesehen wieder zusammengeschrieben werden. „Eine Rolle rückwärts kann auch ein Fortschritt sein“, sagte er. Bis zum nächsten Schuljahr könnten die empfohlenen Änderungen aber sicher nicht mehr in alle Lehrbücher eingearbeitet werden. Der Rat für deutsche Rechtschreibung und die Kultusministerkonferenz müssen dem Vorschlag noch zustimmen.

Die Experten schlagen vor, die Schreibweise von Wortkombinationen stärker als in der Reform vorgesehen dem Sinn folgen zu lassen. Er sei sicher, dass die Vorschläge einige der „Ungereimtheiten zwischen Bevölkerung und Experten beseitigen“ würden, sagte der frühere bayerische Kultusminister. Der Direktor des Instituts für deutsche Sprache, Ludwig Eichinger, sagte, bei den meisten Fällen, die in der Diskussion gewesen seien, werde vorgeschlagen, wieder differenzierter vorzugehen.

Die Getrenntschreibung vieler früher zusammengesetzter Wörter wie „Eis laufen“ oder „heilig sprechen“ hatte die größte Kritik an der Rechtschreibreform erzeugt. „Wir sind der Meinung, dass Eis nicht ein Gegenstand ist wie ein Ski“, sagte Zehetmair. Daher solle „Eis laufen“ wieder zusammengeschrieben werden. Auch bei Wörtern wie „heilig sprechen“, wo die Getrennt- oder Zusammenschreibung den Wortsinn verändere, solle wieder die andere Schreibweise - also zusammen - möglich sein. Auch Wortkombinationen mit Adjektiven, die ein Ergebnis beschrieben, sollten wieder in einem Wort geschrieben werden dürfen - etwa „blank putzen“ oder „klein schneiden“.

Zehetmair machte deutlich, dass die Vorschläge bis zum Beginn des nächsten Schuljahres nicht mehr in alle Schulbücher und Lexika eingearbeitet werden könnten. „Ich halte es nicht für möglich, dass man das gedruckte Wort nochmal umstellt bis dahin“, sagte er. Von den Lehrern werde dann eine „gewisse pädagogische Sensibilität“ erwartet, solche Worte nicht als Fehler anzustreichen. Dies war eigentlich nach der für August geplanten rechtsverbindlichen Einführung vorgesehen gewesen. „Die klare und fachliche Verlässlichkeit sind ein höheres Ziel als das Datum 1. August“, sagte Zehetmair.

In seiner Sitzung am Freitag segnete der eigens für Vorschläge zur Rechtschreibreform eingerichtete Rat die Empfehlung der Arbeitsgruppe noch nicht ab, um noch weitere Einzelheiten einzuarbeiten. Er gehe aber davon aus, dass bei der nächsten Sitzung am 3. Juni die nötige Mehrheit erreicht werde, sagte Zehetmair. Und er rate der am Ende entscheidenden Kultusministerkonferenz davon ab, sich dem Rat zu widersetzen.

Zehetmair deutete an, dass das Gremium auch bei der Interpunktion - der Zeichensetzung - von der Reform abweichen dürfte. „Wir werden sagen, man darf wieder mehr Kommata schreiben - im bisherigen Sinn“, sagte er. Für Vorschläge für die Interpunktion und die Worttrennung am Zeilenende habe der Rat nun ebenfalls eine Arbeitsgruppe eingesetzt.

Die 1998 in Deutschland, Österreich und der Schweiz gestartete Rechtschreibreform war von Anfang an stark umstritten. Namhafte Schriftsteller weigerten sich, in der neuen Schreibform zu veröffentlichten, auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ kehrte kurz nach dem Start zur alten Rechtschreibung zurück.

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