Kundus-Affäre
Politische Heckenschützen lauern Minister zu Guttenberg auf

Der Untersuchungsausschuss zum Bombenabwurf von Kundus hat seine Arbeit aufgenommen. Für Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist das Risiko groß, im Kreuzverhör zu scheitern. Aber der Ausschuss bietet dem Shooting Star auch die große Chance, endlich wieder Bodenhaftung zu gewinnen.
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BERLIN. Womöglich wird man eines Tages sagen, dass sich die Macht des Schicksals schon an diesem bemerkenswerten Abend des 3. Dezembers 2009 gegen den Verteidigungsminister gewendet hat. Soeben noch hat Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) im Bundestag erhobenen Hauptes eine verblüffende Kehrtwende präsentiert. Er hat den verheerenden Bombenangriff bei Kundus, Afghanistan, auf zwei von Taliban entführte Tanklaster nun doch „unangemessen“ genannt. Andere wären bei diesem waghalsigen Wendemanöver umgefallen. Zu Guttenberg erhält Applaus und nimmt Fahrt auf.

Am Abend aber steht er fast linkisch zwischen lauter ehemaligen und amtierenden Vier-Sterne-Generälen und drei seiner Vorgänger – Volker Rühe, Rudolf Scharping und Peter Struck. Nervös und starren Blicks lauscht er im Bendler-Block dem Schwanengesang des von ihm jüngst entlassenen obersten Soldaten der Bundeswehr. Das Kinn des Verteidigungsministers wird immer spitzer.

Die Atmosphäre ist gespenstisch. Draußen werden die letzten Vorbereitungen für den Fackellauf des Großen Zapfenstreichs getroffen, drinnen stehen verbitterte Generäle mit finsteren Mienen umher. Wären die Uniformen andere, man wähnte sich im Stauffenberg-Film mit Tom Cruise.

Die Generäle haben oft erst an der Garderobe im Bendler-Block erfahren, dass zu Guttenberg ihr Idol Wolfgang Schneiderhan, den Generalinspekteur der Bundeswehr, gefeuert hat. Für sie, besonders für die Älteren, ist das nicht zu fassen.

Als sich der Gestürzte dann noch ein paar Zentimeter näher ans Mikrofon schiebt, knistert die Luft. In einem tollkühn anmutenden Sprach-Loop verkündet Schneiderhan den betreten Lauschenden den „positiven Aspekt“ seines Rauswurfs: „Immerhin hat das den Vorteil, dass ich die enge Weste der Loyalität aufknöpfen kann!“

Im Raum ist keiner, der das nicht als Drohung begreift. Schneiderhan hätte genauso gut vom durchgeladenen Revolver an der Hüfte schwärmen können. Nur wäre das übertrieben derb gewesen. Alle hier wissen, der Schneiderhan ist kein unbesonnener Schwätzer. Deshalb war er ja einer von ihnen. Oder anders ausgedrückt: Deshalb waren sie ja alle Teil seiner loyalen Armee.

Der Minister aber ist für den im Unfrieden Gefallenen Luft. Schneiderhan erwähnt zu Guttenberg in seiner Dankesrede nicht. Der so Geschmähte ist in seiner neuen Rolle als populärer Vorzeigefeind nicht zu beneiden. Denn Schneiderhans Generäle-Armee existiert weiter in Loyalität zu dem Alten. Sie mag weder junge noch forsche, schon gar nicht junge und forsche Minister.

Das Publikum erlebt dieser Tage ein beeindruckendes Schauspiel: den politischen Überlebenskampf seines beliebtesten Politikers, der vielen als eine Art Gegenentwurf zu der grauen, zerstrittenen Kabinettsmannschaft von Kanzlerin Angela Merkel erscheinen will. Nach den ersten beiden Bauernopfern – neben Schneiderhan musste auch Staatssekretär Peter Wichert gehen – scheint nun der phänomenale Ersatzkanzler an der Reihe zu sein.

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  • Dieser Argumentation kann ich nun nicht mehr folgen.
    Was hat die SPD damit zu tun, wenn sich der neue Verteidigungsminister eine Fehlinterpretation des Vorgangs um die Geschehnisse bei Kunduz leistet.
    Was hat sich denn der Herr zu Guttenberg dabei gedacht? Hat er denn geglaubt er kann einen General und einen Staatssekretär einfach entlassen, ihnen die Schuld für seine Fehlinterpretation zu geben und zu glauben die Generalität würde das so ohne weiteres hinnehmen? Er muss schon verdammt gute Gründe für seine wechselnde Einschätzung der Situation in Afghanistan haben wenn er ungeschoren aus diesem Untersuchungsausschuss kommen will. Denn voreilige beschlüsse und falsche Lageeinschätzungen sind für einen Verteidigungsminister sicher nicht zu tolerieren.

  • ich muß Herrn Knoche Recht geben. Wenn man völlig abstruse beschuldigungen aufbauscht, um einen populären Mann des politischen Gegners zu schädigen, ist das bösartig, kleinkariert und dumm. Die Dummheit dieser Maßnahme zeigt der erneute Absturz der SPD in den Umfragen. Und ich bin stolz auf unsere Mitbürger, daß sie derartiges Verhalten der SPD-Vertreter so sehen, wie es gesehen werden sollte: Schäbig!!

  • Dieses ganze politische Scharmützel ist schon beschämend, insbeseondere die Haltung der SPD. Die Vorkommnisse geschahen zur Zeiten in deren Regierungsverantwortung. Jetzt so zu tun, als wäre dem gar nicht so und man wäre als Regierung nicht im bilde gewesen, sodass die richtigen Fragen erst in der Opposition einfallen, ist schon anrüchig.
    So provoziert man Politikverdrossenheit.

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