Kurswechsel
Grüne machen Chemie ein Friedensangebot

Die Grünen reichen der Chemieindustrie die Hand: Die bisher geschmähte Branche soll - sanft gelenkt von grüner Politik - Motor des ökologischen Umbaus werden. Vorausgesetzt, die Branche setzt künftig verstärkt auf erneuerbare Rohstoffe.

BERLIN. "In der Vergangenheit war die Chemieindustrie Teil des Problems, künftig kann sie Teil der Lösung sein", sagte Spitzenkandidatin Renate Künast dem Handelsblatt. "Wenn sie sich auf einen intelligenten Umgang mit Energie und Ressourcen besinnt, hat sie das Zeug zum Wachstumsmotor und zur Leitindustrie für eine grüne Volkswirtschaft."

Dabei hängen die Grünen die Latte hoch: "Bisher ist zu 90 Prozent Erdöl der Rohstoff der Chemieindustrie, erneuerbare Stoffe stellen nur zehn Prozent. Unsere Vision ist, dass sich dieses Verhältnis umkehrt", sagt Künast. Heute beschäftigt die Chemieindustrie in Deutschland 440 000 Menschen. "Wenn sie auf Green Chemistry umschwenkt, werden es nicht weniger, sondern mit Sicherheit mehr".

Das sind ganz neue Töne. Bisher war die Feindschaft zur Chemieindustrie für Grüne so konstitutionell wie der Kampf gegen Atomkraft. "Seveso ist überall", lautete der Schlachtruf nach dem Chemie-Unfall 1976 im norditalienischen Städtchen, der noch heute Neugeborene schädigt. Der weltweit größte Giftunfall im indischen Bophal 1984 bestätigte das tiefe Misstrauen ebenso wie 1986 das Unglück bei Sandoz in Basel, als Tonnen hochgiftiger Substanzen wie Quecksilber in den Rhein flossen.

Nun soll die Chemieindustrie nicht nur selbst auf Öko umstellen, sondern auch anderen Branchen die nötigen Rohstoffe liefern. "Schon heute werden etwa die Innenausstattung vieler Autos und sogar Bauarbeiterhelme aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt", sagt Künast, "das kann nur der Anfang sein."

Die Grünen also künftig Hand in Hand mit BASF & Co? "Wenn die den Richtungswechsel vollziehen - gerne", sagt Künast. Weil das aber an der Basis für Ärger sorgen könnte, stellt sie auch klar: "Wir wollen uns nicht mit der Industrie verbrüdern. Die BASF ist nicht unser bester Freund." Es werde auch künftig Auseinandersetzungen geben, "aber wir wollen den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen".

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