Kurt Beck räumt das Feld für Steinmeier und Müntefering
Putsch? Welcher Putsch?

Absichtlich hat Frank-Walter Steinmeier Kurt Beck wohl nicht zu Fall gebracht. Aber schon der Verdacht des Königsmordes kann dem SPD-Kanzlerkandidaten schaden - Beweise und Gegenbeweise.

Der Tag eins nach dem Tsunami vom Schwielowsee beginnt für Frank-Walter Steinmeier mit entspannter Außenministerroutine. Um 9.15 Uhr tritt er im Weltsaal des Auswärtigen Amtes vor Hunderte deutsche Botschafter, angereist aus aller Welt. Sie warten auf die außenpolitischen Leitlinien ihres obersten Dienstherrn. Innerlich mag Steinmeier noch aufgewühlt sein über seine Nominierung zum SPD-Kanzlerkandidaten und Übergangsparteichef nach dem plötzlichen Abgang Kurt Becks von der SPD-Parteispitze. Doch vor den Botschaftern spielt er seine Rolle perfekt. Kein einziges Mal rutscht ihm das Wörtchen "SPD" über die Lippen. "Das Unglück hält sich nicht an Besuchstage", zitiert Steinmeier eine südafrikanische Weisheit. Doch er meint den Kaukasuskonflikt, nicht die Chaostage der SPD.

Dann ist die Rede vorbei, und die Partei holt Steinmeier wieder ein. Im Büro des Auswärtigen Amtes wartet SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, die Gremiensitzungen am Nachmittag müssen vorbereitet werden. Und dabei wird es auch um die Frage gehen, ob Steinmeier gegen Beck geputscht habe. Oder ob es womöglich die Leute um Franz Müntefering waren, die schon ganz lange ihre Strippen in der Partei so hin- und herziehen, dass es zwangsläufig am Sonntag dazu hatte kommen müssen, dass Beck sein Amt hinschmeißt und ab 18. Oktober 2008 Müntefering wieder Parteichef sein wird. Ziemlich unverholen jedenfalls jubeln am Montag Leute vom rechten Flügel über das Ergebnis: "Wir haben doch jetzt die optimale Aufstellung für die Wahl", sagen sie - solange man sie nicht namentlich zitiert.

Steinmeier wollte Beck nicht weghaben, sagen seine engen Vertrauten, und das sagt er auch selbst am Montag, als er gemeinsam mit Müntefering nach der SPD-Vorstandssitzung vor die Presse tritt. In Telefonaten mit Beck hätten beide sich Mitte vergangener Woche verabredet, dass "Beck Parteivorsitzender bleibt und ich Kanzlerkandidat werde", sagt Steinmeier. Franz Müntefering solle eine zentrale Rolle im Wahlkampf erhalten. Doch am vergangenen Donnerstag läuft die bis dahin von beiden Seiten als intakt geschilderte Beziehung aus dem Ruder.

"Beck verbreitet Lügen", toben Steinmeiers Vertraute am Montagmorgen, während der Kanzlerkandidat selbst noch über versöhnliche Worte an den linken SPD-Flügel nachdenkt. Beck habe eben nicht bereits vor Wochen Steinmeier signalisiert, dass er ihn als Kanzlerkandidaten ausrufen werde, sondern bloß, dass er selbst diese Rolle nicht übernehmen wolle. Am vergangenen Donnerstag habe er sich weiter geweigert, am Sonntag am Schwielowsee südlich von Berlin die leidige K-Frage im Sinne Steinmeiers zu beantworten.

Es muss bereits da um das Koch-und-Kellner-Problem gegangen sein, das immer wieder in politischen Beziehungen auftaucht - wie vor Jahren zwischen dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und dem Grünen-Chef Joschka Fischer. Steinmeier sei am Donnerstag davon ausgegangen, dass der Kanzlerkandidat der Koch sei, dem der Parteichef als Kellner diene. Beck aber habe die Rollen wohl umgekehrt gesehen. Als Kandidat von Becks Gnaden habe sich der Außenminister aber nicht sehen wollen - und daher abgewinkt: Dann werde er auch nicht über Inhalte reden.

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