Länder-Vergleich
Arme deutsche Rentner

Altersarmut in Deutschland ist keine hohle Phrase, dies zeigt nun eine OECD-Studie. Deutsche verfügen über weniger Immobilienbesitz, deutsche Geringverdiener könnten bald das Prekariat der europäischen Rentner stellen.
  • 10

BerlinDeutsche Rentner werden einer OECD-Studie zufolge im internationalen Vergleich künftig relativ schlecht dastehen: Ihre Altersbezüge werden bei 55 bis 57 Prozent ihres durchschnittlichen Einkommens vor dem Renteneintritt liegen, wie aus einer am Dienstag in Berlin vorgestellten Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervorgeht. Das Rentenniveau von Geringverdienern sei mit 55 Prozent niedriger als in allen anderen OECD-Staaten. Der OECD-Schnitt liege bei fast 82 Prozent. Grund: In den meisten Ländern werde zugunsten der Geringverdiener umverteilt, während in Deutschland die Rente stark von den Beitragszahlungen abhänge.

„Wir müssen aufpassen, dass die langfristigen Folgen für den sozialen Zusammenhalt und Altersarmut nicht aus dem Blick geraten“, sagte die Leiterin der OECD-Abteilung für Sozialpolitik, Monika Queisser. „Es fehlt an einer systematischen Lösung der Altersarmut in Deutschland.“ Niedrigverdiener sollten „nachhaltig abgesichert werden“. Allerdings hätten die Probleme ihre Ursache häufig im Arbeitsmarkt und könnten nicht allein durch das Rentensystem gelöst werden.

Gegenüber dem durchschnittlichen Bruttoeinkommen liegt der Wert laut OECD-Berechnung sogar nur bei 42 Prozent. Dies liegt daran, dass die Einkommen während der Erwerbszeit höher besteuert und mit Abgaben belegt werden. Die Werte beziehen sich auf Arbeitnehmer, die 2012 ins Berufsleben gestartet sind und bis zum regulären Renteneintritt Beiträge bezahlen.

Aber auch andere Faktoren wie Immobilienbesitz, Finanzvermögen und staatliche Leistungen beeinflussen den Lebensstandard. Vom eigenen Haus oder der eigenen Wohnung profitiert der OECD-Studie in Deutschland mit 50 Prozent nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der Rentner, hieß es in der Studie. Im OECD-Schnitt seien es 76 Prozent.

Nach Einschätzung der OECD hat die Finanzkrise dazu beigetragen, dass die Mehrzahl der OECD-Mitgliedsstaaten ihre Rentensysteme reformiert oder bereits geplante Reformen beschleunigt habe, etwa durch die Heraufsetzung des Renteneintrittsalters. Im Großteil der OECD-Länder liege die Last der Reformen vor allem auf den Schultern von Durchschnitts- und Besserverdienern. In der OECD haben sich die hoch entwickelten Industrieländer zusammengeschlossen.

Nunmehr müsse dauerhaft für ein angemessenes Rentenniveau gesorgt werden, empfiehlt die Studie. „Die Reformen waren wichtig und die Regierungen haben gut daran getan, Geringverdiener nicht noch stärker zu belasten“, sagte die Leiterin der OECD-Abteilung für Sozialpolitik, Monika Queisser, bei der Vorstellung des Berichts in Berlin. „Wir müssen aber aufpassen, dass die langfristigen Folgen für den sozialen Zusammenhalt und Altersarmut nicht aus dem Blick geraten.“ In Deutschland würden die Rentenbezüge für Menschen mit verhältnismäßig kleinem Gehalt gegen Mitte dieses Jahrhunderts so niedrig sein wie in kaum einem anderen OECD-Land.

Union und SPD verhandeln in ihren Koalitionsgesprächen über die Einführung einer solidarischen Lebensleistungsrente. Dabei sollen die Rentenansprüche von Geringverdienern auf bis zu etwa 850 Euro aufgestockt werden. Voraussetzung sind 40 Beitragsjahre in der Rentenversicherung, wobei auch bis zu fünf Jahre Arbeitslosigkeit als Beitragsjahre gelten sollen. Für Minijobber bis 450 Euro – die dies nicht als Nebenjob und nicht als Schüler, Studenten oder Rentner machen – soll künftig die Rentenversicherungspflicht greifen. Die erst in diesem Jahr eingeführte Ausstiegsklausel wird demnach wieder abgeschafft.

Insgesamt sieht die OECD das deutsche Rentensystem aber auf einem guten Weg. Es sei finanziell vergleichsweise stabil. Außerdem sei die Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmer kräftig gestiegen. So arbeiteten heute gut zehn Prozent der 65- bis 69-Jährigen - fast doppelt so viele wie vor zehn Jahren. „Deutschland hat hier eine Vorreiterfunktion“, sagte Queisser.

afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Länder-Vergleich: Arme deutsche Rentner"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Lauterbach der Karl, der, wenn es geht, keine Talkshow auslässt, sagte gerade in einer solchen Show ein mal:
    "Das deutsche Gesundheitssystem wird erst dann gut, wenn
    auch die Politiker darin selbst beteiligt sind!"

    Recht hat er! Aber was hat er jetzt daraus gemacht, als er es selbst in der Hand hatte?

    Er hat an sich gedacht und für sich und seine "Vorteilsnehmer" gewulft! Gerade diesen "Gewulft-Ausdruck" bekam ich zuerst von diesem Blender zu hören!

    Und raten Sie mal wo? -- In einer Talkshow natürlich!


  • Wo sind eigentlich die Kürzungen der Pensionen??? Diese werden zukünftig die Haushalte auffressen. Was ist das für eine Politik??? Die vielen gesetzlichen Rentner, die Deutschland wieder aufgebaut haben, kann man ja abzocken. Wie sollen die sich wehren können? Auch Zusatzabsicherungen waren für diese Generationen nicht an der Tagesordnung. Die Politik, besonders Rot-Grün, haben da massiv versagt.

  • Ganz einfache Lösung.
    Beamte sind unkündbar, warum brauchen die noch einen extra Pensionsfonds und private Krankenversicherung.
    Alle in ein System Renten und Krankenversicherung.
    Wenn man dann von irgend einem Versorgungstopf redet, kann man allgemein sagen, der Topf ist voll oder leer und es geht alle an.
    Momentan redet man immer von halbleeren Töpfen fürs Volk und gut gefüllte für die Beamten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%