Längere Laufzeuten
Experten beweifeln AKW-Sicherheit

Kommende Woche will der Bundestag längere Laufzeiten für deutsche Atomkraftwerke beschließen. Die Meiler sollen im Schnitt 12 Jahre länger am Netz bleiben. Nun schlagen Energieexperten im Umweltausschuss Alarm - und warnen vor großen Sicherheitsrisiken.
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HB BERLIN. Die von der Bundesregierung geplanten längeren Laufzeiten für Atommeiler sind nach Ansicht mehrerer Experten nicht ohne Risiko. Eine Behebung aller Mängel bei einem alten Kernkraftwerk wie Biblis A in Hessen werde nicht gelingen, sagte der Geophysiker Lothar Hahn am Donnerstag bei einer Anhörung im Bundestags-Umweltausschuss.

Der umstrittene RWE-Meiler Biblis A ist seit 1974 am Netz und damit der älteste deutsche Reaktor. Der Bundestag entscheidet über das Laufzeitplus am 28. Oktober. Es soll vom 1. Januar 2011 an gelten und sieht im Schnitt zwölf Jahre längere Laufzeiten vor. Schon durch den rot-grünen Atomausstieg seien wichtige Nachrüstungen ausgeblieben, sagte Hahn. Da Biblis A nun dennoch acht Jahre länger laufen soll, würden angesichts der oft mehrjährigen Nachrüstdauer nur einzelne Maßnahmen ergriffen werden können.

Die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), Hildegard Müller, betonte: „Die Störfall-Debatte wird unredlich geführt“. Die deutschen Kernkraftwerke erfüllten die höchsten Sicherheitsstandards weltweit. Auch zwei weitere von Union und FDP geladene Experten betonten, es gebe durch längere Laufzeiten keine Sicherheitsprobleme.

Der frühere Staatssekretär im Umweltministerium, Rainer Baake, unterstellte der Regierung, sie würde über den neuen Paragrafen 7d im Atomgesetz das Einklagerecht von Bürgern auf Nachrüstungen bei Atomkraftwerken aushebeln. Das würde die Betreiber etwa von der Pflicht befreien, ihre Anlagen mit neuen Hüllen gegen Terrorangriffe mit Passagierflugzeugen zu sichern, sagte der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) betont hingegen seit Wochen, es werde ein Mehr an Sicherheit geschaffen.

Ebenfalls Unstimmigkeit gab es über die Frage, ob längere Atomlaufzeiten die erneuerbaren Energien ausbremsen und ob wegen des Einspeisevorrangs für die Öko-Energien künftig immer öfter die Atomkraftwerke abgeschaltet werden müssen. Zweifel gab es auch, ob Atomkraftwerke angesichts der schwankenden Ökostrom-Einspeisung beliebig regelbar sind und ob dieser Prozess ungefährlich ist.

Christoph Riechmann, Direktor des Energieberatungsunternehmens Frontier Economics, sagte, ohne Laufzeitplus müssten zehn teure Gaskraftwerke mit einem Investitionsvolumen von zehn Mrd. Euro zugebaut werden.

Die Unions-Politiker Marie-Luise Dött und Georg Nüßlein sahen sich nach den Ausführungen darin bestätigt, dass die Regierung mit ihrem Energiekonzept auf dem richtigen Weg ist. „Wir schaffen eine tragfähige Brücke ins Zeitalter der erneuerbaren Energien“, teilten sie mit und betonten: „Sicherheit hat dabei höchste Priorität.“

SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber teilte diese Meinung nicht: „Die ältesten Atomkraftwerke sind nicht mehr voll nachrüstbar, wichtige Sicherheitselemente werden dauerhaft fehlen“. Die Opposition kritisierte, dass es vor der Bundestagsentscheidung nächste Woche im Umweltausschuss nur eine vierstündige Anhörung gab. Die Linke- Politikerin Dorothée Menzner sprach von einer Farce. Die Regierung treibe das Parlament „wie eine Kuhherde vor sich her“.

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  • Hauptsache die Rendite stimmt. Und für die zu erwartenden Gewinne müssen die bürger schon mal ein Risiko eingehen.

    Und um die Kosten für den betrieb, wie Entsorgungskosten kümmert sich doch der Steuerzahler gerne. Wofür zahlen wir denn Steuern.

    Und was kümmert uns daß die Strahlung kommende Generationen belastet, Hauptsache jetzt und hier rechnet sich das Ganze.

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