Landtagswahl
Der König aus dem Aufsteigerland

Bei der rheinland-pfälzischen Landtagswahl am 26. März geht es auch um die persönliche Bilanz des Landesvaters. Ministerpräsident Kurt Beck kennt im Wahlkampf daher nur ein Thema: sich selbst. Eine Reportage.

TRIER. In der Trierer Zigarettenfabrik JTI nebelt sich langsam alles ein. Je länger die Betriebsversammlung dauert, desto mehr Rauchschwaden ziehen unter die Hallendecke, verfärbt sich das grelle Neonlicht immer mehr ins Bläuliche. Arbeiter in ihren grau-grünen Monturen drücken ihre Glimmstängel in den überquellenden Aschenbechern aus. Kurt Beck lässt sich davon nicht stören. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident spult seine Rede ab, erklärt, warum die Leute am 26. März SPD wählen sollen. Beck hangelt sich durch Kindergärten und Hochschulen, geht zum Bürokratieabbau über und zur Gesundheitsreform. Der gelernte Elektromechaniker weiß um seine Zuhörerschaft: "Wir dürfen ein Mehrklassensystem im Gesundheitssystem nicht zulassen", warnt er. Und solidarisiert sich mit den Arbeitern: "Wenn ich als Ministerpräsident beim Arzt mein Krankenkassenkärtchen zücke, dann kommt da keine Begeisterung auf", sagt er.

Wahlkampf in Rheinland-Pfalz. Geht es nach den Demoskopen, dann wird der 57-Jährige mit großer Wahrscheinlichkeit die Wahl wieder gewinnen und die Niederlagenserie der SPD in den Ländern stoppen. Vorbei wäre es dann mit der Angst der SPD, ihr letztes westdeutsches Flächenland zu verlieren. Becks Partei liegt in den Umfragen bei 43 Prozent und damit 7 Prozentpunkte vor der CDU. Zusammen mit dem langjährigen Koalitionspartner FDP sollte es leicht reichen - trotz großer Koalition und Merkel-Hype in Berlin, trotz des Umfragetiefs der Bundespartei und der Diskussion über die von Sozialminister Franz Müntefering angestoßene Rente mit 67.

Am Abend, in der Schulsporthalle von Sankt Sebastian, bekommt man eine Ahnung, warum Becks von der Union und den Grünen als behäbig kritisierter Regierungsstil so gut ankommt. Warum er in den Beliebtheitswerten so klar mit 67 zu 18 Prozent vor CDU-Herausforderer Christoph Böhr liegt.

Der SPD-Ortsverein hat eingeladen. Die Dixieband produziert einen unaufgeregten Klangteppich, Kinder trinken Fanta - ein Euro die Flasche. Oma und Opa kauen an Mettbrötchen. Vor den Vätern stehen auf Biertischreihen Pilsflaschen. Der Ortsbürgermeister begrüßt alle Honoratioren bis hin zum Dorfchronisten. Das Ganze ähnelt einem Familienausflug. Von erregten Gemütern oder hitzigen Diskussionen über längere Laufzeiten bei Atomkraftwerken oder die höhere Mehrwertsteuer keine Spur.

Genau eine halbe Stunde hat Beck bei fast jeder größeren Veranstaltung Verspätung. Dann öffnet sich die Saaltür und der Handschüttel-Marathon kann beginnen. Als Erstes trifft es einen jungen Rheinland-Pfälzer. Der strahlt ob des landesväterlichen Ritterschlags mit seinem jüngeren Bruder um die Wette. Sein Vater blickt den ersten Bürger im Land bewundernd an. Doch Beck ist längst weiter. Lässt kaum eine Hand aus im Spalier bis zur Bühne. In seiner Rede geht es um landespolitische Themen, die Bundespolitik ist in Berlin - weit weg.

Es geht um die Bilanz des Kurt Beck - also ganz um ihn.

Seite 1:

Der König aus dem Aufsteigerland

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%