Landtagswahl
Moderner Dreikampf an der Saar

Im Saarland könnte SPD-Spitzenkandidat Heiko Maas CDU-Ministerpräsident Peter Müller ablösen - wenn er mit Oskar Lafontaine paktiert. Es wäre ein Sieg, der für die SPD im Bund leicht zur Niederlage werden könnte.

SAARBRÜCKEN. Plötzlich steht Heiko Maas in der Halle, in schwarzer Stoffhose und schwarzem Polohemd, mitten im schwülen Schweißgeruch und der müffelnden Biersäuernis, die in der Luft hängen. 300 Gäste hocken an langen Holztischen. Auf der Bühne blickt der Kapellmeister auf, nimmt das Mikro in die Hand und heißt den Spitzenkandidaten der SPD im Saarland willkommen. Applaus.

Maas schüttelt Männerhände, küsst Frauenwangen. Was Wahlkämpfer eben so tun müssen in einem Wahlkampf.

Es könnte gut laufen für Maas beim Kirmesfrühschoppen in Rehlingen. Doch nur zehn Minuten später marschiert Peter Müller samt Entourage herein. Der Ministerpräsident trägt Anzug, blaues Hemd und Krawatte und knipst das landesväterliche Lächeln an. "Tach, wie geht's? Na, alles gut?" Müller schüttelt jede Hand, die ihm entgegenzuckt. "Hallo Peter", schallt es zurück. Er steigt auf die Bühne und sticht souverän das Bierfass an, während Maas hinter ihm stehen muss, weil Müller nichts anderes zulässt. Der Ministerpräsident reicht seinem Herausforderer die Biere an, die er zapft, ohne Maas eines Blickes zu würdigen. Koch und Kellner, Chef und Lehrling, die Rollen sind doch klar verteilt an der Saar, und das ist gut so, soll das bedeuten.

Eigentlich hätten sich Maas und Müller auf den 2 500 Quadratkilometern des kleinsten Flächenlandes der Republik nicht treffen müssen, wenn sich jeder in den sommergrünen Mischwald zurückgezogen hätte, der ein Drittel des Saarlandes bedeckt. Da aber Wahlkampf ist und viele der eine Million Bürger zwischen Elsass und Pfalz ihren Kirmesfrühschoppen lieben, laufen sich die Kontrahenten immer wieder über den Weg. Müller freut es, Maas quält es. Dabei sind die Chancen des SPD-Mannes besser als je zuvor, Müller abzulösen.

Rot-rot nicht ausgeschlossen

Zehn Tage noch, dann könnte Maas das politische Koordinatensystem der Republik durcheinanderwirbeln und dem Bundestagswahlkampf neuen Elan verleihen: Am 30. August wählen sie im Saarland so wie in Sachsen und Thüringen auch. Aber nirgends reichen die Folgen weiter als bei der Wahl im Südwesten: Wird das kleine Land Geschichte schreiben und zum ersten Mal in einem Westbundesland eine Regierung mit der Linkspartei bilden?

Ausgeschlossen ist das nicht mehr. Sicher allerdings auch nicht. Seit zehn Jahren regiert Peter Müller mit absoluter Mehrheit in einem strukturell linken Land. Die letzte Umfrage stammt von April, heute Abend gibt es endlich neue. Deshalb zählt als Indikator bisher nur die Europawahl im Juni: Da holte die CDU nur 38 Prozent, die SPD 20, die Grünen 13, die FDP 11 und die Linke 7,5 Prozent. Doch mit Oskar Lafontaine als Spitzenkandidat, dem langjährigen Ministerpräsidenten, den viele an der Saar bis heute verehren, dürften die Linken nächste Woche mindestens 18 Prozent holen. Damit rechnet sogar SPD-Kandidat Heiko Maas.

Vor einem Jahr, da hatte er noch fürchten müssen, hinter den Linken einzukommen bei der Wahl, hinter Lafontaine, seinem einstigen Mentor, der ihn einmal zum jüngsten Minister Deutschlands machte. Nun ist Maas der Koch, jedenfalls der links von der Mitte. Rot-Rot an der Saar, das ist die Vision. Wenn nötig auch noch mit den Grünen. Hauptsache, die Regierungstage von Bierfassanstecher Müller sind gezählt.

Es wäre ein großer Sieg für die SPD, neue Hoffnung im aussichtslos scheinenden Bundestagswahlkampf. Aber es wäre auch ein Sieg, der großen Ärger brächte. Die Union würde bis zum 27. September per Rote-Socken-Kampagne vor der Rückkehr des Kommunismus warnen. Doch das wäre es möglicherweise wert für die SPD: Denn bleibt Müller dran an der Saar, wenn auch mit der FDP, wäre die Niederlage im Bund fast besiegelt und Schwarz-Gelb könnte auf eine satte Mehrheit im Bundesrat setzen.

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