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Landtagswahlen 2014

Wahlen in Deutschland
Rechte Socken oder Politikveränderer?

Die AfD ist nach Sachsen auch in Brandenburg und Thüringen in den Landtag eingezogen. Ignorieren geht nicht – doch die Frage ist: Lässt sich die Partei integrieren? Ein Kommentar.
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DüsseldorfWir können froh sein. Froh darüber, dass wir nicht wie in Frankreich eine drittstärkste politische Kraft haben, die Nationalismus zum neuen Lebensgefühl des 21. Jahrhunderts erklärt. Froh darüber, dass wir nicht wie in Österreich einen dem Hurra-Patriotismus verfallenen Zahntechniker an der Spitze der drittstärksten Partei im Lande haben. Froh, weil wir nicht wie die Schweden eine drittstärkste politische Gruppierung haben, die die „homogene Gesellschaft“ fordert und und nichts anderes als die Ablehnung von allem Ausländischen meint.

Nein, Deutschland hat bloß die AfD – die Alternative für Deutschland, und es sieht nach den Wahlen in Brandenburg und Thüringen so aus, als könnte sich diese Partei als dauerhafte Kraft in der Politik behaupten. Bei drei Landtagswahlen und der Europawahl hat sie eindrucksvolle Erfolge verbucht. Sie dürfte deutschlandweit mindestens, was die Zahl ihrer Wähler anbelangt, auf dem Niveau der Grünen liegen. Die im Meer der Bedeutungslosigkeit versinkende FDP hat sie deutlich unter sich gelassen. Wer ist diese Alternative für Deutschland, und was will sie?

Beides ist noch nicht entscheiden, aber das, was sich abzeichnet, reicht immerhin aus, um nicht gleich den Untergang des Abendlandes beschwören zu müssen.

Die AfD ist keine Gründung enttäuschter Ewig-Gestriger oder gnadenloser Populisten, sondern sie stammt aus einer Bewegung von Kritikern der Europolitik, die mit wissenschaftlichen Argumenten gegen die Strategie der Euroretter ins Feld gezogen ist. Sie nimmt auf, was viele denken: Die Nachteile, die die europäische Integration mit sich bringt, wiegen ihre Vorteile auf. Das ist, meine ich, falsch – aber es ist eine Geisteshaltung, über die sich leidenschaftlich streiten lässt.

Vielleicht ist es typisch deutsch, dass es hierzulande Ökonomen sind, die bei den Eurokritikern den Ton angeben und nicht Populisten. Den Wissenschaftlern wird eine höhere Glaubwürdigkeit zugestanden als den Demagogen. Und ich finde, dies ist kein schlechter Zug. Dass die AfD mit der Ablehnung des Euro darüber hinaus nationales Gedankengut bedient, macht sie interessant für all die, die sich im europäischen Dickicht und globalen Dschungel verloren fühlen.

Je mehr Modernisierungsgegner sie allerdings um sich schart, um so altbackener wirkt sie. Eine Partei der Verlierer hat keine Zukunft. Ein „Vorwärts in die Vergangenheit“ funktioniert nicht, wenn die AfD irgendwann als Koalitionspartner zur Verfügung stehen möchte. Die AfD muss eine kompromissbereite, moderne Alternative werden oder sie beraubt sich jeglicher politischer Machtoptionen.

Es ist diese Entwicklung, die die Ergebnisse der Wahlen in Sachsen und jetzt in Thüringen sowie Brandenburg in ein milderes Licht tauchen. So wie wir und unser Land sich verändern, verändern sich die Parteien, die uns in der Politik vertreten. Gäbe es die AfD nicht, würde das im besten Fall bedeuten, dass die Politik stillsteht. Im schlechtesten Fall wäre es sogar ein Anzeichen für ein Versagen unserer Demokratie. Beides wäre eine schlechtere Alternative.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur

Kommentare zu " Wahlen in Deutschland: Rechte Socken oder Politikveränderer?"

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  • Du bist wahrlich ein erbärmliches Würstchen.

  • Ich finde den Artikel sehr schön geschrieben und überhaupt bin ich mit Deutschland und seiner Politik sehr zufrieden. Die AfD ist doch ok, jeder darf machen was er möchte so lange alle in Frieden leben. Liebe für alle!

  • Nachdem eine (nahezu) Allparteienunion im Bundestag das eigentlich undenkbare seit April 2014 zum real exisitierenden Alptraum hat werden lassen, Panzer rollen wieder durch Europa, Hunderttausende haben ihr Zuhause verloren, Tausende Tote und Verwundete, Faschistische Mörderbanden sitzen im Parlament und werden weltweit hofiert, auch von merkel,Steinmeier, Gabriel, wundert sich jemand, daß die wähler nach einer alternative suchen?
    Frau Merkel regiert radikal Anti-National und wird von einer Verräterpartei dabei mit nahezu unangreifbarer Zweidrittel-Mehrheit versorgt. Das ist ein so unglaublicher Alptraum, die Interessenlage so offensichtlich US-dominiert, es ist eigentlich unfassbar.
    > „Frau Merkel, beenden Sie Ihre unterwürfige Haltung gegenüber den USA, der Zweite Weltkrieg ist schon lange vorbei! Werden Sie erwachsen!“. Würde die Kanzlerin eigenständiger handeln, sie wäre überrascht, auf wieviel Zuspruch sie dabei in der Bevölkerung in Deutschland stoßen würde.<
    Zitat von Ray McGovern, Ex-CIA-analytiker, der mit acht langgedienten Kollegen einen offenen Brief an Merkel verfasst hat. Hochinteressant auch seine Einschätzung zur russischen Beteiligung in der Ukraine
    https://www.facebook.com/Onlinepetition
    Den Zuspruch erhalten jetzt diejenigen, die bereit und in der Lage sind auch unabhängig von US-Interessen zu agieren. Wobei die Zerschlagung des Euros als starke Alternative zum Dollar durchaus auch im Interesse der USA liegt, da müssen die AfDler wohl auch nochmal ein bischen drüber nachdenken.

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