Zum Landtagswahlen 2016 Special von Handelsblatt Online

Kryptische Wahlprogramme
Berlin wählt – weiß aber nicht, was

Für welche Inhalte stehen eigentlich die Parteien? Wissenschaftler haben überprüft, wie verständlich die Wahlprogramme sind. Das Ergebnis: Kein Wunder, dass die Politik keiner mehr richtig versteht.

DüsseldorfBioabfallbehandlungsanlage und Special-Interest-Besuche: Wahlprogramme zu lesen macht keinen Spaß. Sie wimmeln vor Anglizismen, Fremdwörtern und Monstersätzen. Teilweise sind sie kaum zu verstehen. Vor der Landtagswahl in Berlin untersuchten Wissenschaftler der Universität Hohenheim mit einem Computerprogramm, wie verständlich die Wahlprogramme der sieben Parteien in Berlin eigentlich sind. Wenn etwa ein besonders langer Satz oder ein besonders kompliziertes Wort in dem Text auftaucht, gibt es einen Punktabzug.

Am schlechtesten schnitt dabei die Linkspartei ab. Mit 7,5 von 20 Punkten belegen sie den letzten Platz. In ihrem 100-seitigen Wahlprogramm benutzt die Linkspartei Wörter wie Fahrzeugfinanzierungsgesellschaften und Modernisierungsankündigungen, um über Straßenbahnen und Mieterschutz zu reden. Der längste Satz im Wahlprogramm der Linken geht über 48 Wörter.

Auf Platz eins landeten die Grünen, mit 10,6 Punkten, gefolgt von der SPD und CDU mit jeweils 9,3 Punkten. Die CDU hat außerdem den längsten Satz von allen im Wahlprogramm – 57 Wörter ist dieser lang. Die Kurzfassung in zehn Wörtern: Die Berliner Wirtschaftsförderung soll vom Rathaus in normale Büros ziehen.

Insgesamt erreichten alle Parteien eine Durchschnittspunktzahl von 8,6. Zum Vergleich: Eine politikwissenschaftliche Doktorarbeit bekam bei dem Test 4,3 Punkte, ein Artikel in der Bild Zeitung 16,8 Verständlichkeits-Punkte. „Zwar haben die Grünen in Berlin das verständlichste Wahlprogramm von allen vorgelegt“, sagte Frank Brettschneider, Kommunikationsexperte der Universität Hohenheim und Leiter der Studie. „Ein Wert von 10,6 auf dem Hohenheimer Verständlichkeits-Index lässt aber noch viel Raum nach oben“.

Bei der Aufgabe, die Wähler umfassend über ihre Pläne zu informieren, haben die Parteien also versagt. Trotzdem müssen die Berliner nun über die politische Zukunft der Stadt entscheiden. Den Prognosen der Forschungsgruppe Wahlen zufolge werden die SPD und ihr regierender Bürgermeister Michael Müller zwar wieder stärkste Kraft, verlieren mit 23 Prozent, im Vergleich zur Wahl 2011, jedoch deutlich an Zustimmung. Auch die CDU verliert laut Prognosen und kommt auf 18 Prozent – gleichauf mit den Grünen.

Von den Verlusten der regierenden Parteien würde erneut die AfD profitieren. Zwar wäre sie wohl nicht, wie in Mecklenburg-Vorpommern drittstärkste Partei im Berliner Senat, trotzdem käme die AfD aus dem Stand auf 14 Prozent der Stimmen, die Linke käme auf 14,5 Prozent. Die FDP würde es mit 6,5 Prozent knapp in das Abgeordnetenhaus schaffen.

Wenn sich die Prognosen bewahrheiten, wäre das Ende der großen Koalition in Berlin besiegelt. Am wahrscheinlichsten wäre dann eine rot-rot-grüne Koalition, aus SPD, Linke und den Grünen. Diese würde auf eine knappe Mehrheit von 54 Prozent kommen. Zwar hätte eine rot-rot-grüne Koalition auch in der Bevölkerung die höchste Zustimmung. Trotzdem sagen gerade mal 24,2 Prozent der Bürger, eine Koalition aus SPD, Grüne und Linke sei die beste Lösung für Berlin. Für eine Regierung ist das nicht viel.

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Manche Parteien wollen nicht verstanden werden

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