Langzeituntersuchung
Was Ganztagsschulen wirklich bringen

Ganztagsschulen helfen nicht nur Eltern, Job und Familie zu vereinbaren. Sie wirken sich auch positiv auf die Entwicklung der Schüler aus. Dies ist das Ergebnis einer Langzeituntersuchung der in Deutschland noch relativ jungen Schulform. Allerdings pochen die Autoren der Studie auf mehr Qualität und verbindlichere Angebote durch die Schulen.
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BERLIN. Das ist das Ergebnis der ersten Langzeitstudie zu den in Deutschland noch relativ neuen Ganztagsschulen. Bei Kindern auf weiterführenden Schulen sinkt demnach das Risiko, sitzen zu bleiben, wenn sie regelmäßig das Ganztagsangebot wahrnehmen.

„Damit tragen Ganztagsschulen zum Abbau der Bildungsarmut bei“, sagte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). „Wir wissen aber auch, dass es letztlich auf die Qualität der Angebote ankommt, denn diese wirkt sich auch auf die Schulnoten aus.“

Den Anstoß gab das mit vier Mrd. Euro ausgestattete Programm der rot-grünen Bundesregierung. Heute besuchen knapp ein Viertel aller Kinder Schulen mit Ganztagsbetrieb. Die Teilnahme ist meist freiwillig. Nur bei eine Minderheit handelt es sich um „gebundene“ Ganztagsschulen, bei denen die Teilnahme bis in den Nachmittag hinein Pflicht ist (siehe „Ganztägig lernen“). Die Teilnahmequoten an den offenen Ganztagsschulen sind von 2005 bis 2009 deutlich gestiegen. Sie liegen heute in der 5. Klasse bei über 70 Prozent. Auch Kinder von nicht arbeitenden Müttern besuchten mehrheitlich das Ganztagsangebot.

Länder sollen Qualität verbessern

Nach dem Auslaufen der Bundesförderung seien nun die Länder in der Pflicht, den weiteren Ausbau zu finanzieren, forderte der Chef des Deutschen Jugendinstituts, Thomas Rauschenbach. Er und die anderen Autoren pochen zudem auf mehr Qualität. Vor allem Hausaufgabenbetreuung und spezielle Förderung neben dem Unterricht würde bisher nicht so stark angeboten und angenommen wie Freizeitaktivitäten. Die Angebote müssten nicht nur besser werden, sondern die Schulen sollten sie auch „verbindlicher“ gestalten, sagte Heinz Holtappels vom Institut für Schulentwicklungsforschung. Man dürfe es also nicht Eltern und Schülern überlassen, ob Mathe geübt oder lieber Fußball gespielt werde.

Für die Studie wurden 300 Schulen in drei Wellen im Abstand von je zwei Jahren untersucht. Die Befunde zeigen, dass die Sitzenbleiberquote bei Schülern, die das Ganztagsangebot nicht wahrnehmen, fast vier Mal so hoch ist wie bei den Ganztagsschülern. Unterschiede bei der Herkunft seien hier „herausgerechnet“, sagte Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung. Die Sitzenbleiberquote an gebundenen Ganztagsschulen ist noch deutlich niedriger. Daneben hat sich bei Ganztagsschülern das Sozialverhalten günstiger entwickelt als bei den Kameraden. Besonders hoch sei der Effekt in Kombination mit einem individuellen Unterricht und der Möglichkeit der Mitgestaltung.

An weiterführenden Schulen besuchen Kinder aller sozialen Schichten und Migranten gleichermaßen das Ganztagsangebot. An Grundschulen hat sich jedoch gezeigt, dass Migranten und Kinder aus sozial schwachen Familien – also die Gruppen, die besonders profitieren könnten – das Angebot seltener wahrnehmen. Die Forscher gehen aber davon aus, dass sich der Unterschied angleicht.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin

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