Laut Umfrage weiß jeder dritte Westdeutsche nicht, dass am 9.November 1989 die Mauer fiel
Eine fantastische Fehlleistung der SED

Die Pressekonferenz plätschert dahin. Als sie sich dem Ende zuneigt, fragt der italienische Journalist Riccardo Erman nach der wenige Tage alten Reiseregelung in das nicht-sozialistische Ausland. Ob das neue Reisegesetz nicht ein Fehler gewesen sei, will Erman wissen. Politbüromitglied Günter Schabowski blättert in Papieren und verkündet den ganz neuen Reisebeschluss vom Mittag – ohne Absprache mit der Parteiführung.

rh FRANKFURT/MAIN. „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt“, liest Schabowski vor. Unruhe im Saal.

Es ist 18.53 Uhr, als Erman nachhakt, ab wann die neuen Freiheiten für die DDR-Ausreise gültig würden. Schabowski: „Wenn ich richtig informiert bin, nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich“. Verblüffung im Saal. Schabowski hat soeben mitgeteilt, dass Visa für Privatreisen in den Westen nun auch „ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt“ werden könnten. Genehmigungen dafür würden „kurzfristig erteilt“.

Die Zeithistoriker sind sich einig, dass Schabowski damit nicht das Ende der Mauer verkündete. Aber die Westmedien und das Volk haben es so interpretiert, während die Parteiführung im Schweigen verharrte. Die Mauer ist weg, hieß es fortan.

So wollte die SED das Ende der DDR nicht einleiten. „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf“, quackelte Erich Honecker noch einen Monat zuvor. Nun setzte die Trabi-Kolonne an, sich unaufhörlich gen Westen zu schieben.

Die Regierungen in Bonn, in Moskau und Washington, in London und Paris wurden von der Öffnung der Staatsgrenze überrascht. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), notierte der Bonner Historiker Heinrich Potthoff, reagierte auf die neue Reiseverordnung „zunächst skeptisch, ohne innere Freude, eher geprägt durch „die Ungewissheit, wie es weitergehen soll'“. Kanzlerberater Horst Teltschik, gerade mit Kohl zu einem Staatsbesuch in Warschau, schrieb in sein Tagebuch: „Die Stimmung in der Kanzlersuite wechselt zwischen Hoffnung und Bangen; Hoffen, dass dies der Anfang vom Ende des SED-Regimes ist, Bangen, dass eine Massenflucht in die Bundesrepublik ausgelöst werden könnte.“

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