Deutschland
Lebe, Junge, lebe!

Die Umstände und Guido Westerwelle, das ist die Story einer geglückten Affäre. Handelt sie bald vom Vizekanzler der Bundesrepublik? Ein Porträt des Liberalen.

Es gibt diesen Traum im Leben von Guido Westerwelle, diesen Traum von einem anderen Leben: von einem Leben als Weltenbummler. Schon als Kind hat Guido Westerwelle ihn oft und gern geträumt. Er hat Geschichten von Seefahrern und Abenteurern verschlungen, Errol Flynn verehrt und Pippi Langstrumpf. Alle wollen Pippi sein, sagt Guido Westerwelle - das Lebekind der kühnsten Träume. Und alle seien doch nur Tommi und Annika - Pippis brave, ängstliche Freunde. Guido Westerwelle ist ein besonders guter Freund. Er ist besonders brav, besonders ängstlich. Guido Westerwelle ist Tommi und Annika.

Einmal, vor ein paar Jahren, in Ägypten, war Guido Westerwelle seinem Traum ganz nah, er erinnert sich gut, gerät ins Schwärmen, spannt eine Leinwand auf mit Szenen des geglückten Augenblicks..., es ist tausendundeine Nacht, die Sterne funkeln am Firmament, er sattelt ein rassiges Pferd mit silbernem Zaumzeug, ledernen Zügeln, reitet hinaus, den Pyramiden von Gizeh entgegen, er riecht den Schweiß des Tieres, sieht dessen Atem verdampfen in kühler Wüstenluft..., es war herrlich, sagt Guido Westerwelle, es war ein Traum...

Schluss damit. Guido Westerwelle klopft sich eine Fluse vom Ärmel. Ein Traum, sagt er, muss ein Traum bleiben, sonst sei es kein Traum mehr. Auf dem Platz des Weltenbummlers sitzt jetzt wieder der FDP-Chef. Ledersessel, Eckbüro, 40 Meter im Quadrat, Blick auf den Reichstag. Von Ägypten zurück nach Berlin - für Guido Westerwelle ist das eine Sache von Sekunden. Da sitzt er nun, Krawatte, Anzug, Hemd, wie immer, ganz bei sich und bei der Politik, bei fester Stimme und festen Ansichten. Herausfordernd hält er die Plastikkanne mit dem Partei-Logo hoch, grinst ungefiltert, abgebrüht. Noch einen Kaffee? Sehr gerne. Noch Fragen?

Nicht einmal sein Traum sei also echt? Echt schon, sagt Guido Westerwelle, nur weit weg von der Realität: Er habe keine Zeit. Er habe zu tun. Guido Westerwelle schweigt.

Nichts an ihm ist so echt wie die Realität seines ungelebten Traums. "Ich bin nicht Pippi", sagt er leise - und schweigt Vorwürfe in den Raum: Warum wollt ihr das nicht begreifen? Wann werdet ihr mich endlich akzeptieren, wie ich bin? Wahrscheinlich nie. Guido Westerwelle ist ein Mensch, der den geraden Lebensweg bevorzugt und effizient entspannen kann. Er hat keine gebrochene Biografie, keine inspirierende Vita, das bisschen Weltläufigkeit und Selbstironie haben Erfolg, Professionalität und Öffentlichkeit ihm beschert. Guido Westerwelle ist jungenstolz und burschenschaftlich vorlaut, er schlüpft tagsüber in makellose Anzüge und abends in makellose Ringelpullis, er raucht Zigarillos und würde das als Laster bezeichnen.

Guido Westerwelle verhält sich ordentlich, weil er glaubt, sich ordentlich verhalten zu müssen. Guido Westerwelle verhält sich glänzend. Seinen politischen Begleitern fällt es schwer, damit zu leben. Ihnen ist Guido Westerwelle ein resonanzfreier Raum, eine Leerstelle, ein Mann mit Erfolg und ohne Eigenschaften, eine provozierend weiße Leinwand, auf die sie, vergleichend, stolz und arrogant, ihre Vorstellung vom eigenen Leben projizieren.

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