Lehrermangel
Gehaltswettbewerb um Lehrer eskaliert

Angesichts des Lehrermangels und des steigenden Wettbewerbs um die raren Pädagogen wächst der Unmut der Länder, die das Nachsehen haben. Nun hat erstmals auch der Sprecher der Unions-Kultusminister, Sachsen-Anhalts Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz (parteilos), explizit eine Begrenzung der Abwerbung mit besseren Gehältern oder sonstigen attraktiveren Konditionen durch reiche Länder gefordert.

BERLIN. "Die Anreize dürfen nicht so sein, dass sie gegen das Nachbarland gerichtet sind". Akuter Stein des Anstoßes ist Baden-Württembergs bundesweite Kampagne, um Lehrer für Gymnasien und Berufsschulen anzulocken: Dafür schaltet Kultusminister Helmut Rau (CDU) bundesweit Plakate, Anzeigen und Werbespots. In Baden-Württemberg fehlen an diesen Schularten insgesamt 1400 Lehrer. Für die Werbekampagne stehen 375 000 Euro bereit.

Olbertz fordert nun, die Länder müssten "gemeinsame Bandbreiten oder Eckdaten" für die Bezahlung der Lehrer verabreden. Nächste Woche treffen sich die Kultusminister zu ihrere nächsten regulären Sitzung. Ähnlich hatte zuvor Berlins Kultusminister Jürgen Zöllner (SPD) argumentiert, der soeben die Gehälter für Junglehrer um bis zu 1200 Euro hochsetzen musste, damit sie ihm nicht weiterhin scharenweise in besser zahlende Länder davonlaufen. Auch Hessens neue Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) wirbt eine Mäßigung des Länder-Konkurrenz. Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) hatte sich erregt, im Wettbewerb um Lehrer sei "eine Eskalationsstufe erreicht, die die Schamgrenze verletzt".

Hintergrund ist der chronische Lehrermangel: Der Lehrerverband schätzt die Lücke auf rund 20 000 fehlende Pädagogen, zudem liegt das Durchschnittsalter der Lehrer mittlerweile bei fast 50 Jahren. Auch Hamburg hatte aktiv Lehrer - etwa aus Berlin - abgeworben. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff verteidigt Abwerbung offensiv - ihm fehlen zum Herbst 1500 Lehrer.

Olbertz forderte seine Kollegen im Osten auf, zur Abwehr der Westkonkurrenz wieder auf Verbeamtung zu setzen. Derzeit werden im Westen fast alle Lehrer verbeamtet, im Osten werden sie fast nur noch angestellt. Sachsen-Anhalt jedoch biete vor allem dem Nachwuchs ganz bewusst Beamtenstellen an. Hier gehe auch Berlin, das die Verbeamtung abgeschafft hat, "definitiv den falschen Weg", kritisierte Olbertz.

Seit der Föderalismusreform 2006 können die Länder Beamte unterschiedlich besolden. Die größte Spanne entsteht jedoch durch Beförderung, sagt der Präsident des Lehrerverbandes, Josef Kraus, dem Handelsblatt. So zahle etwa Bayern 30 Prozent aller Gymnasial- und Berufsschullehrer die höchste Stufe A15 - Niedersachsen hingegen nur 17 Prozent.

Um die Gräben nicht noch tiefer zu ziehen, lehnt der amtierende KMK-Präsident, Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsminister Henry Tesch (CDU), auch eine verzögerte Erhöhung der Gehälter der angestellten Lehrer im Osten ab. Das Ergebnis der laufenden Tarifverhandlungen müsse in Ost und West gleich umgesetzt werden. Die Tarifgemeinschaft deutscher Länder hatte vorgeschlagen, die Erhöhung im Osten erst später zu zahlen.

Das Institut der deutschen Wirtschaft schlägt vor, Lehrer viel stärker nach Leistung zu bezahlen - finanziert durch das Einfrieren der Einstiegsgehälter. Der Philologenverband weist das zurück. Der Bund habe bereits 1998 die Dienstaltersstufen reduziert, um angeblich damit mehr Leistungselemente zu ermöglichen. Die große Mehrheit der Länder habe die Leistungsbezahlung aber nie umgesetzt. "

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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