Lehrermangel
Verband wirft Kultusministern Schönfärberei vor

An deutschen Schulen herrscht Lehrermangel und Politik und Pädagogen streiten heftig um die richtige Problemlösung. Die Kultusministerkonferenz (KMK) wirft dem Philologenverband vor, mit falschen Zahlen die Lage zu dramatisieren. Die Gynasiallehrer kritisieren die Schönfärberei der Minister - und fordern mehr Qualifizierung von Seiteneinsteigern.

BERLIN. Zwischen dem Philologenverband und den Kultusministern ist ein heftiger Streit um das Ausmaß des Lehrermangels entbrannt, der zum Beginn des nächsten Schuljahres droht. Die Kultusministerkonferenz (KMK) wirft dem Verband der Gymnasiallehrer vor, die von ihm in die Welt gesetzte Zahl von 40 000 fehlenden qualifizierten Lehrern entbehre jeder Grundlage. Der Vorsitzende des Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, hält den Kultusministern hingegen vor, „eine unerträgliche Mangelsituation schön zu reden“, und fordert ein Bündel von Notmaßnahmen.

„Dass wir in Deutschland dringend etwas für den Lehrernachwuchs tun müssen, ist nicht neu“, räumt auch die KMK in einer schriftlichen Mitteilung ein. Eine eigene Zahl über das Ausmaß des Lehrermangels nennt die Organisation der Kultusminister jedoch nicht. Um den Bedarf zu decken, „arbeiten wir an gemeinsamen Leitlinien“, heißt es.

Angesichts der fehlenden offiziellen Angaben verteidigt Meidinger seine Schätzung. Mittlerweile seien rund fünf Prozent aller Lehrer Aushilfskräfte ohne Lehrerausbildung oder ausreichende Nachqualifizierung. Das seien rund 40 000 Lehrer. Berücksichtige man die Teilzeitstellen, sei eine Lücke von 30 000 realistisch – vor allem in den Mint-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Das bedeute nicht, dass diese Stellen alle nicht besetzt würden. So müssten sich etwa die bayrischen Gymnasien Personal für den Herbst selbst besorgen – bis zu acht Prozent der Stellen. Das stopfe zwar womöglich die Lücken, allerdings nicht qualitativ. Gymnasialdirektor Meidinger selbst hatte in Vorjahren schon Diplombiologen, Förster und Übersetzer angeheuert.

Kurzfristig fordert er nun die systematische Schulung von Quereinsteigern, eine besserer Mobilität etwa durch eine Internet-Börse, Anreize für Überstunden und Werbung für Aufstockung der Stundenzahl sowie die Weiterbeschäftigung von Pensionären. Zudem schlägt er ein Austauschprogramm vor: In Osteuropa gebe es viele Mint-Lehrer mit guten Deutschkenntnissen. Diese könnten im Austausch gegen Deutschlehrer aushelfen.

Nach Berechnungen des Bildungsforschers Klaus Klemm gehen bis 2015 rund 300 000 Lehrer in Pension. Neu auf den Lehrerarbeitsmarkt hingegen kommen jährlich nur rund 26 000 Pädagogen – also bis 2015 nur etwa 182 000. Klemm wies auch auf den unterschiedlichen Beitrag derLänder hin: So bildeten etwa Berlin, Rheinland-Pfalz und die neuen Länder über den eigenen Bedarf hinaus aus. Länder wie Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bayern hingegen kämen ohne einen Import aus anderen Ländern nicht zurecht.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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