Lehrstellenmarkt
Noch tausende Lehrstellen im Handwerk

Die Wirtschaftskrise drückt auf das Lehrstellenangebot. Trotzdem ist die Lage am Ausbildungsmarkt zu Beginn des neuen Lehrjahres rechnerisch sogar günstiger als vor zwölf Monaten. Im Handwerk sind deutschlandweit sogar noch 10 000 Lehrstellen frei, wie die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf eine Umfrage des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks berichtet.

dc/HB BERLIN. Demnach hat die Wirtschaftskrise nur geringen Einfluss auf die Gesamtzahl der Lehrstellen im Handwerk, viele Betriebe stellen sogar wegen der vergleichsweise guten Handwerkskonjunktur zusätzliche Ausbildungsplätze zur Verfügung.

Die Zeitung zitiert Handwerkspräsident Otto Kenzler mit der Einschätzung: "Das mittelständische Handwerk ist in der Krise ein Stabilitätsanker für die deutsche Volkswirtschaft. Wer einen Handwerksberuf lernt, investiert richtig in seine berufliche Zukunft." Wie das Blatt weiter berichtet, sind wegen der drastisch gesunkenen Zahl der Schulabgänger dort besonders viele Lehrstellen in den neuen Bundesländern offen.

Nach den am Dienstag vorgelegten Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) waren Ende August noch 99 100 Bewerber ohne Lehrstelle, gut 20 Prozent weniger als im August 2008. Parallel schrumpfte die rechnerische Lehrstellenlücke - die Differenz zwischen noch unbesetzten Plätzen und unversorgten Bewerbern - sogar um fast 40 Prozent auf zuletzt noch 33 900.

Hauptursache für diese Entwicklung ist, dass die Zahl der Bewerber derzeit noch stärker schrumpft als die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze: Seit Beginn des aktuellen Vermittlungsjahres im Oktober 2008 meldeten Unternehmen und Ausbildungsverbünde der BA insgesamt 436 000 neu zu besetzende Lehrstellen, gut 30 000 weniger als vor Jahresfrist. Die Vergleichszahl der Bewerber schrumpfte dagegen sogar um 85 000 auf 515 000.

Dahinter stehen laut Bundesagentur vor allem zwei Entwicklungen. Zum einen sorgt mittlerweile der demografische Wandel dafür, dass die Zahl der Neuen beschleunigt sinkt. Zum anderen machen die Fachleute nicht nur bei den Unternehmen, sondern auch bei den jungen Menschen eine Reaktion auf die Wirtschaftskrise aus: Ein ohnehin seit einigen Jahren zu beobachtender Trend hin zu höheren Schulabschlüssen werde durch die akut verschlechterten Wirtschaftsaussichten noch verstärkt. Anstatt sich direkt nach der Haupt- oder Realschule um einen Ausbildungsplatz zu bewerben, nehmen junge Menschen erst einmal Kurs auf die Fachhochschulreife oder das Abitur.

Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) sieht angesichts der bemerkenswert günstigen Lage auf dem Lehrstellenmarkt Chancen, dass auch jetzt verstärkt Altbewerber zum Zuge kommen, die in den vergangenen Jahren leer ausgegangen waren. "Das Ziel ist aber erst erreicht, wenn alle Bewerber ein Angebot bekommen", betonte Schavan und erinnerte die Unternehmen daran, dass es trotz hohen Fachkräftebedarfs in den kommenden Jahren noch weniger Bewerber geben werde.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warf den Unternehmen trotz der verbesserten Relationen vor, zu stark an der Ausbildung zu sparen. "Die jungen Menschen werden zu Verlierern der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise", klagte DGB-Vize Ingrid Sehrbrock und verwies ebenfalls auf die noch unvermittelten Altbewerber, deren Zahl sie mit 320 000 bezifferte. Im Übrigen sei gegen den demografischen Trend in nächster Zeit mit steigenden Bewerberzahlen zu rechnen, weil dann in weiteren Bundesländern die Verkürzung der Schulzeit auf acht Jahre bis zum Abitur durchschlage. Dies führt dazu, dass in einzelnen Jahren jeweils zwei Altersjahrgänge auf einmal das Gymnasium abschließen.

Verdi-Vize Frank Werneke warnte zudem vor einer nachlassenden Ausbildungsqualität. "Die fachliche Anleitung ist häufig mangelhaft, und die zulässigen täglichen Ausbildungszeiten werden massiv überschritten", berichtete er. Auszubildende dürften nicht als billige Arbeitskräfte missbraucht werden.

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