Leitende Täuschungsabsicht?: Dr. Annette Schavan will ihren Titel verteidigen

Leitende Täuschungsabsicht?
Dr. Annette Schavan will ihren Titel verteidigen

Am Dienstag entscheidet der Fakultätsrat der Uni Düsseldorf, ob ein Verfahren zur Aberkennung von Schavans Doktorgrades eingeleitet wird. Für die Merkel-Vertraute wird es eng. Doch die 57-Jährige gibt sich kämpferisch.
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DüsseldorfBundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) gibt sich in der Plagiatsaffäre kämpferisch: Die Vertraute von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) will auch dann wieder für den Bundestag kandidieren, wenn der Fakultätsrat der Hochschule an diesem Dienstag ein Verfahren zur Aberkennung ihres Doktortitels einleiten sollte. Rückendeckung erhielt Schavan am Wochenende aus dem Kanzleramt und von den großen deutschen Wissenschaftsorganisationen.

Schavan wird vorgeworfen, in ihrer 1980 verfassten Doktorarbeit „Person und Gewissen“ Textpassagen unsauber übernommen und Quellen nicht klar gekennzeichnet zu haben. Die Ministerin hat wiederholt beteuert, ihre Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen erstellt zu haben. In einem im vergangenen Oktober bekannt gewordenen internen Prüfbericht wurde Schavan hingegen eine „leitende Täuschungsabsicht“ bescheinigt.

Nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ hat die Promotionskommission der Hochschule inzwischen den Vorwurf der absichtlichen Täuschung abgeschwächt. Gleichwohl halte das siebenköpfige Gremium an seiner Forderung nach Einleitung eines Verfahrens gegen Schavan fest. Schavan habe bei ihrer vor 33 Jahren eingereichten Doktorarbeit in Kauf genommen, mit ihrer Zitierweise gegen gängige Regeln wissenschaftlichen Arbeitens zu verstoßen.

Die Ministerin will aber in jedem Fall wieder in den Bundestag: „Ich trete am 25. Januar an. Das bin ich der Wissenschaft schuldig“, sagte die 57-Jährige der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Der Kreisgeschäftsführer in Schavans Bundestagswahlkreis Ulm/Alb-Donau, Thomas Schweizer, sagte der dpa: „Sie ist unangefochten Kandidatin für das Mandat.“ Laut „Spiegel“ steht auch Merkel fest zu ihrer Vertrauten. Ein Rücktritt Schavans komme nicht infrage.

Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen forderte die Beachtung wissenschaftlicher Kriterien bei der Prüfung von Schavans Doktorarbeit. „Verfahrensrechtliche Korrektheit“, wie dies der Universität Düsseldorf in einem jüngsten Rechtsgutachten bescheinigt werde, sei notwendige Voraussetzung, aber allein „keine hinreichende Bedingung, um die Entscheidung über die Aberkennung eines Doktorgrades zu begründen“, heißt es in der Erklärung der Allianz. In ihr arbeiten die Forschungsorganisationen, wie DFG und MPG, die Humboldt-Stiftung, der Wissenschaftsrat und die Hochschulrektorenkonferenz zusammen.

Zu einem ordentlichen Verfahren gehört laut Allianz „das Mehraugen-Prinzip, die Trennung von Begutachten, Bewerten und Entscheiden sowie eine angemessene Berücksichtigung des Entstehungskontextes“, heißt es mahnend in der Erklärung, die zum Teil auch als Kritik an der bisherigen Vorgehensweise der Uni zu verstehen ist. Eine inhaltliche Bewertung könne nur auf der Basis einschlägiger fachwissenschaftlicher Expertise vorgenommen werden. Ähnliche Aussagen von einzelnen führenden Repräsentanten der deutschen Wissenschaft waren bereits zuvor als Parteinahme pro Schavan verstanden worden und hatten in der Hochschul- und Forschungsszene für heftige Dispute gesorgt.

Zum Verfahrensablauf hatte die Uni selbst eine gutachterliche Stellungnahme in Auftrag gegeben und das Ergebnis jetzt auf der eigenen Internetseite veröffentlicht. Die Untersuchung kommt zu folgendem Ergebnis: „Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass rechtlich relevante Verfahrensfehler nicht festzustellen sind. Die Fakultät hat die nach geltendem Recht erforderlichen Prüfungen ordnungsgemäß durchgeführt. Auch die Verfahrensführung lässt keinen Grund zur Beanstandung erkennen.“

Ob Schavan im Fall der Aberkennung des Doktortitels im Amt bleiben kann, ist unklar. In Koalitionskreisen heißt es, verliere Schavan ihren Doktortitel, sei sie im Kabinett schwer zu halten – auch mit Blick auf den nahenden Bundestagswahlkampf. Die Eröffnung eines Verfahrens sei aber noch kein Rücktrittsgrund.

Die Plagiatsvorwürfe waren im April 2012 anonym auf einer Internetplattform erhoben worden. Vorgeworfen wird Schavan, Quellen nicht vollständig aufgelistet und zum Teil „verschleiert“ zu haben. Auch geht es um wissenschaftliche Standardfragen - etwa wie weit eigene Gedanken und Erkenntnisgewinn von ähnlichen Ausführungen anderer Autoren abgegrenzt wurden.

Agentur
dapd 
DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Leitende Täuschungsabsicht?: Dr. Annette Schavan will ihren Titel verteidigen"

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  • wie kann ein Mensch so an einem Titel haengen?

    Ich gehe davon aus, dass die Betrügerin sich auf diese Art verschiedene Vorteile verschafft hat, wie ein berufliches Fortkommen auf bestimmten Posten und ein höheres Gehalt ect.
    Das Ganze schon über Jahrzehnte. Sie hätte das ohne den durch Betrug erworbenen Dr.Titel offensichtlich nicht erreicht. Darum klebt die wie Uhu an diesem Titel, der ihr nicht zusteht, mehr Schein als Sein. Wichtig für manche Leute, besonders, wenns anders nicht klappt!

  • Was für einen Titel?
    Ich denke, die hat in ihrer Dissertation abgeschrieben und die Texte als eigene Leistung verkauft. Also kann die gar keinen Titel tragen, denn sie ist eine Betrügerin!
    Was gibt es da noch lange zu überlegen und zu feilschen?

  • Wenn das Beispiel eines offen legt, dann ist es, dass der Doktorgrad dieser Universität genau diesen Wert hat.

    Die Universität sollte sich dann aber auch überlegen, ob sie sich mit dieser Handhabung nicht mehr Feinde als Freunde macht. Das was sie hier zeigt, kann von Österreich auch noch mit abgedeckt werden.

    Da gelten die bekannten Vorurteile und gut ist's.

    Der Fall Schavan ist jetzt mehr peinlich für Sie und die Bundesregierung als dass das Ergebnis irgendeinem nützt.

    Um den Hinweis des Vorkommentars aufzunehmen gibt es also Doktoren mit und ohne Lehrbefähigung. Über letztere wird also gestritten.

    Kann man überhaupt über solche Titel streiten?

    Das ist also so, wie ein Pilot mit Pilotenschein ohne Flugpraxis. Ist mir neu, aber man lernt dazu. Vielleicht sollte man diese Titel kennzeichnen. Z.B. als "nfdH" (nur für den Hausgebrauch). Dann wäre wenigstens die Transparenz wieder hergestellt.

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