Lernerfolg von Migrantenschülern
Pisa-Chef fürchtet wachsende Probleme

Wenn die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD an diesem Montag ihre Pisa-Auswertung zum Lernerfolg von Migrantenschülern in 17 Ländern vorstellt, muss sich Deutschland wieder auf ein enttäuschendes Ergebnis einstellen. Gegenüber der „Wirtschaftswoche“ nennt Pisa-Chef Andreas Schleicher wesentliche Kritikpunkte am deutschen System.

HB DÜSSELDORF. "Vor allem konzentriert das dreigliedrige Schulsystem Schüler mit Migrationshintergrund in den Hauptschulen derart, dass die sich daraus ergebenden Probleme von den Lehrern dann kaum noch bewältigt werden können", so Schleicher gegenüber dem Magazin. Entwicklungen wie an der Berliner Rütli-Schule werde man tendenziell eher mehr erleben: "Die soziale Vielfalt in der Gesellschaft nimmt zu, der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund wächst, auch weil es immer weniger deutsche Schüler gibt. Die Probleme werden größer werden", sagt Schleicher.

Einen direkten Zusammenhang zwischen dem Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund und dem Bildungserfolg sieht der Pisa-Chef jedoch nicht. Pisa habe gezeigt, dass es viele Länder mit einem weitaus höheren Anteil ausländischer Schüler gibt, die besser abschneiden als Deutschland. Schleicher: "Erschreckend ist vor allem, dass in Deutschland auch die ausländischen Schüler der zweiten Generation, die in Deutschland geboren sind, bei Pisa so schlecht abschneiden." Einen Beitrag zur Integration sieht auch Schleicher im Tragen von Schuluniformen: "Sie können zumindest bewirken, dass die sozialen Unterschiede an den Schulen nicht mehr so offensichtlich sind und Spannungen vermieden werden." Wenig hält Schleicher davon, früher einzuschulen, ändern müsste sich seiner Ansicht nach allerdings die Ausrichtung von Kindertagesstätten.

Schleicher: "Die Drei- bis Sechsjährigen bekommen bis jetzt in erster Linie Betreuung und keine Bildung. Kindergärten und Schulen müssen deshalb besser integriert, Lehrer und Erzieher von Kitas ähnlich ausgebildet werden. Wir müssen auch mehr Überlappungen schaffen. Erzieher müssten mal ein Jahr in der Schule unterrichten und umgekehrt." Ändern muss sich laut Schleicher auch die Verteilung von Bildungsinvestitionen. "In den ersten Jahren liegen sie deutlich unter dem OECD-Durchschnitt, ebenfalls in der Sekundarstufe I. Wo man individuell fördern müsste, investiert Deutschland also zuwenig. In der Sekundarstufe II hingegen liegen die Ausgaben im Spitzenbereich." Entsprechend spricht sich Schleicher auch für die Abschaffung der Elternbeiträge für Kindertagesstätten aus. "Familien brauchen verlässliche Einrichtungen. Das ist wichtiger und wirksamer, als ihnen ein paar hundert Euro Kindergeld zu geben."

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