Lesereise-Start
„Standing Ovations“ für Thilo Sarrazin

Lesereise mit politischem Paukenschlag: Vor Publikum verkündet Thilo Sarrazin in Potsdam seinen Rücktritt als Bundesbank-Vorstand. Die Zuhörer nehmen die überraschende Wendung gefasst zur Kenntnis, dann geht es fast nur noch um den Auslöser der Causa Sarrazin: sein Buch. Und dafür wird der SPD-Politiker begeistert gefeiert.
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HB BERLIN. ­ Erst großer Applaus, dann Betroffenheit. Das Potsdamer Publikum empfing Thilo Sarrazin (SPD) am Donnerstagabend noch als Bundesbank-Vorstand. Vor 700 Zuhörern stellte der 65-Jährige im Nikolaisaal sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ vor; es war der Beginn seiner bundesweiten Lesereise. Das Publikum klatsche kräftig Beifall, einige jubelten und gaben „Standing Ovations“. Als Sarrazin dann mitten in der Veranstaltung überraschend seinen Rückzug aus dem Bundesbank-Vorstand bekannt gab, wurde es schnell sehr still im Saal. Mit diesem Schritt hatten die meisten nicht gerechnet.

Offenbar waren die Proteststürme für ihn zu gewaltig geworden, die nach der Veröffentlichung seines Buches und seiner umstrittenen Äußerungen über Einwanderer aufgekommen waren. Seit 14 Tagen sehe er sich einem „massiven Druck“ ausgesetzt, sagte der ehemalige Finanzsenator merklich angegriffen und zerknirscht. „Diese Situation hält auf Dauer keiner aus.“ Mit dem Rückzug aus seinem öffentlichen Amt hoffe er nun, dass die „Sachdiskussion“ über seine Themen nun „vernünftig“ geführt werden könne, sagte Sarrazin. Daraufhin bekam er wieder Beifall, diesmal einen verhaltenen, anerkennenden.

Sarrazin hatte offenbar nicht vor, an diesem Abend seinen Rückzug aus der Bundesbank zu verkünden. Nach einer kurzen Begrüßung durch den Veranstalter, das Brandenburgische Literaturbüro, ging er an das gläserne Rednerpult und startete mit seinem Vortrag. Darin stellte er in rund 20 Minuten die Hauptthesen seines Buches vor. Das Publikum hörte die ganze Zeit interessiert zu. Im Anschluss folgte dann eine Diskussion mit dem Leiter der Politikredaktion der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“, Ralf Schuler. Er stellte Sarrazin im Wesentlichen die kritischen Fragen zu seinem Buch, wie es zuvor schon viele andere Journalisten in den vergangenen Wochen getan hatten.

Während Sarrazin gerade zum Publikum sprach, bekam Schuler dann plötzlich ein Zettelchen gereicht. Kurze Zeit später fragte er seinen Gast, ob es stimme, was die Medien vermeldeten. Nach kurzem Zögern bestätigte Sarrazin, dass er sich zum 30. September aus dem Vorstand der Bundesbank zurückzieht.

„Herr Sarrazin: Wann gründen Sie die Partei der aufrechten Deutschen? Ich möchte Mitglied werden“, sagte ein Mann aus dem Publikum. „Ich bin aufrechter Demokrat innerhalb der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“, antwortete Sarrazin überzeugt. Anders als die Bundesbank will er die SPD offenbar nicht freiwillig verlassen. Auch Spekulationen, er könne womöglich eine neue Partei gründen, erteilte er damit eine Absage.

Es waren nicht nur Sympathien, die Sarrazin in Potsdam entgegenschlugen. Draußen vor dem Nikolaisaal protestieren zahlreiche Menschen unter dem Motto „Keine Toleranz gegen Rassisten“ gegen die Lesestunde. „Ich und viele meiner Kollegen haben Wut im Bauch“, sagte ein Berliner, der vor 25 Jahren als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen war und seitdem bei Siemens arbeitet. „Sarrazin schafft sich ab“ stand auf einem Transparent an der Fassade eines Nachbarhauses. Die Polizei musste aber erst einschreiten, als einige mutmaßliche Neonazis vor dem Saal erschienen und ihre Sympathien für den Buchautor bekundeten. Die Beamten erteilten ihnen Platzverweise.

Im Nikolaisaal kündigte Sarrazin an, dass er nach seinem Rücktritt als Bundesbank-Vorstand an seinen „inhaltlichen Themen festhalten“ werde. Und dass es mit ihm noch viele Veranstaltungen dieser Art geben werde. Er schien sich im Kreise seiner Leser wohl zu fühlen. Noch lange nach dem offiziellen Ende blieb er sitzen und signierte sein Buch.

Kommentare zu " Lesereise-Start: „Standing Ovations“ für Thilo Sarrazin"

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  • ich hätte ihm auch applaudiert! Nicht dass ich seine Person oder seine Thesen unterstützt hätte, nein, dass er aus eigenen Stücken das Kapitel Sarrazin bei der bundesbank beendet hat.

    Ein Mann, der auf Druck der Politik endlich die Konsequenzen gezogen hat.

    Als bundesbanker hat er wirklich nicht getaugt!

    Das ist dann auch nur konsequent, dass er sich in seinen Ruhestand mit ganz viel Zeit zum bücherschreiben zurückzieht.

  • Hochachtung vor Herrn Sarrazin! Sein Auftritt in Potsdam, millionenfach im internet angeschaut, hat meine letzten Zweifel gegen sein buch ausgeräumt. Der Mann hat einfach Recht!

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