Letztlich fühlt sich der parlamentarische Nachwuchs seiner Fraktion stärker verpflichtet als seiner Generation
Der Aufstand fällt aus

Die deutsche Jugend hat ein neues Feindbild entdeckt: die Senioren. Die älteren Herrschaften müssen sich von ihren Kindern und Enkeln schon seit Jahren Frechheiten gefallen lassen.

DÜSSELDORF. „Ihr sollt eure Kinder nicht bestehlen“, pöbelte „Stern“-Autor Walter Wüllenweber. „Eine Generation von Schmarotzern hat eine Vollkaskogesellschaft aufgebaut“, polemisierte das Autorenteam Günter und Peer Ederer. Die jüngste Attacke gegen krankenkassenfinanzierte Hüftgelenke und Ersatzzähne vom Chef der Jungen Union, Philipp Mißfelder, passt perfekt in diese Reihe.

Ein Riss geht durch Deutschland – nicht mehr zwischen links und rechts, auch nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen Alt und Jung. Dass es so weit kommen würde, hatte der Gießener Sozialwissenschaftler Reimer Gronemeyer schon 1989 vorhergesagt. Deutschland drohe „ein Krieg der Generationen“, schrieb er, was zunächst unbeachtet blieb.

Ökonomen wussten schon damals, was mittlerweile die breite Öffentlichkeit entdeckt hat: Deutschland altert rapide. Der Anteil der über 65-Jährigen wird sich im Verhältnis zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in den kommenden 40 Jahren verdoppeln. Das bringt die sozialen Sicherungssysteme in eine dramatische Situation. Wenn die Politik nicht gegensteuert, muss in absehbarer Zeit ein Beitragszahler für einen Rentner aufkommen. Hinzu kommt der unvorstellbare staatliche Schuldenberg von 1,2 Billionen Euro, den die heute Jungen später mit ihren Steuern abtragen müssen. Die finanziellen Folgen, so fürchtet die CDU-Bundestagsabgeordnete Kristina Köhler (26), werden katastrophal sein. „Im schlimmsten Fall muss der Einzelne im Jahr 2030 bis zu 80 Prozent seines Einkommens für Steuern und Sozialabgaben abliefern“, sagte die Christdemokratin dem Handelsblatt. „Das würde unser Sozialstaat natürlich nicht überleben“, fügt sie hinzu.

Ob die Politik rechtzeitig und radikal genug gegensteuert, ist keineswegs sicher. Je zahlreicher die Alten werden, desto mehr Einfluss gewinnen sie auf die Entscheidungsprozesse in der Regierung. Schon bei der nächsten Bundestagswahl wird die Mehrheit der Wahlberechtigten älter als 55 sein. Die Chance, unpopuläre Schnitte in der Renten- und Krankenversicherung durchzusetzen, wird damit nicht größer.

Die jungen Bundestagsabgeordneten sind sich dieses Problems wohl bewusst. Einen parteiübergreifenden Aufstand gegen die Alten wollen sie trotzdem nicht wagen – aus einem einfachen Grund: Der parlamentarische Nachwuchs fühlt sich seiner Fraktion stärker verpflichtet als seiner Generation. Deshalb sind sich die Jungen alles andere als einig darüber, wie Deutschland seine demographischen Probleme lösen kann. Christdemokratin Christina Köhler will, ganz im Einklang mit ihrer Partei, die Lebensarbeitszeit verlängern. Freidemokrat Christoph Hartmann (31) fordert „so viel private Vorsorge wie möglich“ in der Rentenversicherung und „irgendwann, vielleicht 2018 oder 2020, den Systemwechsel zur Grundrente“. Anna Lührmann (20) von den Grünen plädiert für eine Bürgerversicherung, die Beamte und Selbstständige einbezieht. Damit ließen sich Renten- und Krankenversicherung retten. Sozialdemokrat Florian Pronold (30) bestreitet, dass es überhaupt ein Generationenproblem gebe. „Keine Bevölkerungsprognose ist jemals eingetroffen“, sagte der bayerische Juso-Landesvorsitzende. Außerdem, so gibt er zu bedenken, schaffe der Bevölkerungsrückgang ja auch neue finanzielle Spielräume. In 20 Jahren werde es wieder an Arbeitskräften mangeln, die Kosten für Arbeitslosigkeit würden also deutlich zurückgehen.

Eine Revolte der Jugend gegen das politische Establishment ist also nicht zu erwarten. Und wer wie Mißfelder polemisch gegen die Alten zu Felde zieht, wird abgestraft. „Schwachsinn“, urteilt der Liberale Hartmann. Und Christdemokrat Eckart von Klaeden verurteilt die Äußerungen seines Parteifreundes als „zynisch“.

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