0 Bewertungen
07.04.2008 
Grüne

Linker Hanseat und Schneckentöterin aus dem Ruhrpott

von Barbara Gillmann

Jürgen Trittin und Renate Künast sollen die Grünen als Spitzenkandidaten in den Wahlkampf führen. Besonders grün sind sich die beiden nicht. Und unterschiedlicher von Herkunft und Temperament könnten sie kaum sein. Ob dieses Duo wirklich funktioniert?

Jürgen Trittin und Renate Künast müssen sich zusammenraufen. Foto: dpaLupe

Jürgen Trittin und Renate Künast müssen sich zusammenraufen. Foto: dpa

BERLIN. Jürgen Trittin steht feixend hinter den Delegiertentischen. „Renate und ich? Da wird Renate aber vor Freude in die Tischkante beißen“, sagt er grinsend zu einem Vertrauten. Das ist Ende 2006 beim Kölner Parteitag, als gerade die ersten Spekulationen über eine Doppelspitzenkandidatur aufkommen.

Seit Anfang März ist aber klar: Fraktionschefin Renate Künast und Fraktionsvize Jürgen Trittin werden tatsächlich als Tandem die Grünen in die Bundestagswahl 2009 führen – und so gemeinsam das Erbe des unerreichten Joschka Fischer antreten. Am vergangenen Samstag haben sie sich den Segen des kleinen Parteitages in Berlin geholt. Im November soll ein großer Parteitag die Inthronisation perfekt machen. Konkurrenten sind nicht in Sicht.

Kann denn ein so ungleiches Tandem wie das von Künast/Trittin überhaupt funktionieren?

Die „herzliche Abneigung“, die ihnen zugeschrieben wird, ist auch beim kleinen Parteitag an diesem Wochenende in der Kreuzberger Jerusalemkirche spürbar. Sie posieren in Berlin zwar für die Fotografen, grün sind sie sich aber nicht. Während der gesamten Veranstaltung reden sie kein Wort miteinander – obwohl sie nur knapp zwei Meter entfernt sitzen. Als Künast am Vormittag als Erste nach ihrer Rede vom Podium zurückkehrt, wird sie vor Trittins Tisch von Claudia Roth umarmt und schaut kurz zu ihm hinüber, erhofft sich eine positive Reaktion. Doch „der Jürgen“ stiert angestrengt auf sein eigenes Redemanuskript.

Sie sind grundverschieden: Hier der intellektuelle, manchmal steife Bremer Sozialwissenschaftler, dort die temperamentvolle, mitunter überschäumende Ruhrpottlerin. Trittin (53), meist elegant gekleidet, entstammt hanseatischer Elite – schon die Großväter hatten führende Stellungen, der Vater war Prokurist der Bremer Tauwerk-Fabrik.

Die Arbeitertochter Künast (52), die gern kurze Lederjacken trägt, hat es nur gegen den Widerstand der Eltern über die Hauptschule hinaus und bis zum Jurastudium gebracht. Dass sie nicht zimperlich ist, wird klar, wenn sie zeigt, wie sie in ihrer Datsche überzählige Schnecken mit dem Spaten beseitigt. Bei der Bevölkerung gewann die Kämpferin gegen BSE und kindliche Fettsucht mehr Sympathien als Trittin, der seine Überlegenheit ungern versteckt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Nach der Bundestagswahl wird sie zum Realo

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

zurück
  • Finanzkrise: Nationale Notprogramme

    Finanzkrise: Nationale Notprogramme

    Der Vertrauensverlust in der internationalen Finanzwirtschaft zwingt die Politik zu umfangreichen Rettungsaktionen: Mit einem in der deutschen Nachkriegsgeschichte beispiellosen Rettungspaket in Höhe von 470 Milliarden Euro will die Bundesregierung die einheimische Fi...Bildergalerie 

  • Wie die Eurogruppe auf die Finanzkrise ...

    Wie die Eurogruppe auf die Finanzkrise reagiert

    Die 15 Staaten der Eurogruppe einigten sich am Wochenende auf gemeinsame Schritte, die zur Bewältigung der Finanzkrise von den Einzelstaaten umgesetzt werden sollen. Welche das sind, lesen Sie hier.Bildergalerie 

  • Jörg Haider: Die Ikone der Rechten

    Jörg Haider: Die Ikone der Rechten

    Eben haben sie noch ihren Wahlerfolg gefeiert, jetzt herrscht tiefe Trauer: Mit dem plötzlichen Unfalltod von Jörg Haider hat Österreichs Rechte ihre Führungsfigur verloren. Der Rechtpopulist war einer der schillerndsten und umstrittensten Politiker Europas. Das Leben ...Bildergalerie 

vor

 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Wer soll vom Rettungspaket Gebrauch machen?  Artikel in Merkliste

13.10.2008, 11:21 Uhr von Frank M. Drost

Nun hat das deutsche Rettungspaket für die Finanzbranche also einen Namen: „Finanzmarkstabilisierungsfonds“ hat die Regierung den Plan getauft, in dem die finanziellen Hilfen in Höhe von 470 Mrd. Euro gebündelt sind und der im parlamentarischen Schweinsgalopp noch in dieser Woche verabschiedet werden soll. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Bankenerblastfonds  Artikel in Merkliste

13.10.2008, 18:17 Uhr von Thomas Hanke

Eine gigantische Summe, die der Bund da ins Schaufenster gelegt hat. Möglicherweise wird nur ein Bruchteil davon zahlungswirksam. Mit Sonderfonds hat die Bundesrepublik jedenfalls schon einige Überraschungen erlebt. Kommentar