Linkskurs der SPD
Kurt und die Kieselsteine

Zumwinkel war gestern. Kurt Beck hat es geschafft, den mutmaßlichen Steuerhinterzieher aus den Schlagzeilen zu verdrängen. Mit seinem Linkskurs brüskiert er seine beiden Vizes Steinmeier und Steinbrück. Noch schweigen die „Stones“. Doch was die Genossen nicht auszusprechen wagen, machen die Wähler umso deutlicher. Droht ein erneuter Wechsel an der SPD-Spitze?

BERLIN/SINGAPUR. Auch am achten Tag kann man Kurt Beck die Frage leider nicht stellen. "Akute Entzündung der Stimmbänder" hat sein Hausarzt diagnostiziert. Der Vorsitzende der SPD liegt weiter sprachlos zu Hause im pfälzischen Steinfeld im Bett.

Schon am Mittwoch vor einer Woche hätte man ihn gerne gefragt, weshalb er bei Labskaus und alkoholfreiem Bier, ohne Rücksprache mit seinen Stellvertretern und kurz vor der Hamburg-Wahl den Plan streute, die hessische SPD-Chefin Andrea Ypsilanti mit Hilfe der Linkspartei zur Ministerpräsidentin zu machen. Doch Beck flüchtete in eine Leerformel: "Keine aktive Zusammenarbeit" werde es mit der Lafontaine-Truppe geben. Am Wahlsonntag dann ließ er sich nur entlocken, seine Partei befände sich auf einem "guten Weg". Danach meldete er sich krank.

Seither ist der oberste Genosse nur noch über das Internet zu erreichen. "Ihre Frage an Kurt Beck" heißt eine Rubrik auf der SPD-Homepage. Klickt man das Logo an, läuft gleich ein Filmchen los: "Sehr geehrte Damen und Herren", hebt dann der joviale Beck an, "man denkt, wenn man viele Jahre in der Politik tätig war: Große Überraschungen kannst du eigentlich nicht mehr erleben." Das klingt spannend. Doch leider geht es nicht um den Kurswechsel der SPD. Kurt Beck erregt sich über Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel.

Zumwinkel war gestern. Der Vorsitzende der SPD hat es geschafft, den mutmaßlichen Steuerhinterzieher aus den Schlagzeilen zu verdrängen. Nun erregen sich Will, Plasberg und Illner im Fernsehen nicht mehr über die Moral der Manager, sondern die Glaubwürdigkeit von Politikern, die vor der Wahl erklären, "mit der Linkspartei geht nichts" - und nachher mit ihr kuscheln wollen.

Die SPD befindet sich im Aufruhr. Ängstlich erwarten die Genossen im Willy-Brandt-Haus neue Umfragezahlen. Am Ende fallen sie so aus, wie viele befürchtet haben. Becks Persönlichkeitswerte rasseln in den Keller. Nach den Irritationen über eine Zusammenarbeit mit der Linken in Hessen sank Beck in dem am Freitag veröffentlichten ZDF-Politbarometer beim Imagewert von plus 0,7 auf minus 0,1 und damit auf den vorletzten Platz, gefolgt nur noch vom hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU).

"Vom Notnagel zum Sargnagel", ätzt die "Tageszeitung". Auch jene Büchsenspanner, die den Vorstoß des Pfälzers anfangs als kühnen Befreiungsschlag eines Machiavellisten anpriesen, räumen inzwischen ein: "Wir haben ein Problem."

Wer die Dimension des Problems begreifen will, muss nur die beiden populären männlichen Stellvertreter Kurt Becks beobachten: Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück. Die "Stones" werden sie parteiintern genannt. Doch Becks Alleingang hat sie in den Augen der Öffentlichkeit zu Kieseln in der Brandung gemacht.

Wie schon bei der Verlängerung des Arbeitslosengeldbezugs wurden sie vom Strategiewechsel völlig überrascht. Schlimmer noch: Am Wahlsonntag zwang Beck sie nach einer lautstarken Auseinandersetzung im fünften Stock des Willy-Brandt-Hauses mit auf das gemeinsame Gruppenfoto.

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