Literatur
Auf den Spuren von Angela Merkel

Macht macht sexy – auch für Autoren. Deshalb ist es kein Wunder, dass in diesem Jahr eine Flut von Büchern über Angela Merkel erscheint. Denn nach vier Jahren Regierungszeit stellt sich die Frage, wie sich das Phänomen der ersten Frau in der Regierungsverantwortung erklären lässt – und dann noch einer doppelten Außenseiterin für die Union, einer protestantischen Ostdeutschen.

BERLIN. Mit Mariam Lau und Evelyn Roll haben nun gleich zwei Autorinnen ihre Erklärungsversuche vorgelegt – Ende Juni und damit noch rechtzeitig vor der Bundestagswahl folgt sogar noch das Buch einer weiteren Autorin, Margaret Heckel.

Mariam Lau versucht, die Kanzlerin vor dem Hintergrund ihrer Partei zu erklären. Tatsächlich lässt sich das Ungewöhnliche der CDU-Chefin am besten erklären, wenn man beschreibt, wie sie ihre Partei verändert hat – übrigens nicht erst, seit sie Kanzlerin ist. „Die letzte Volkspartei“ ist also ein doppeltes Buch: eines über die Transformation der CDU und eines über die Wirkungsgeschichte Angela Merkels. Wirklich überzeugend ist der Versuch aber nicht.

Am besten gelingt Lau der Spagat bei der Verortung der CDU zwischen Freiheit und Staat, dem Wandel des Familienbildes und der Integrationsfrage. Dabei stehen zwar manchmal andere Politiker wie Ursula von der Leyen im Vordergrund. Dennoch zeigt Lau dort am besten, wie Merkel die ihr genehmen Kräfte in der Partei geschickt wirken lässt. In anderen Kapiteln geht der rote Faden aber verloren. Die Abschnitte etwa über die Außenpolitik oder die Provinzherrscher der Union wirken seltsam blutleer.

Ein Merkel-Versteher-Buch im besten Sinne ist dagegen Evelyn Rolls „Die Kanzlerin“. Das liegt vor allem daran, dass die Autorin viel Zeit mit Merkel verbracht hatte, bevor diese Kanzlerin wurde. Man mag kritisieren, dass auch Roll in der aufgefrischten und durch zwei Kapitel ergänzten Biografie von 2005 erst gar nicht den Versuch macht, ihre Bewunderung zu verbergen. Die langjährige Kenntnis der Person hilft aber, scheinbare Brüche im politischen Agieren der CDU-Chefin eher als evolutionären Prozess zu beschreiben – was der Wahrheit näher kommt. Nur die Betrachtung auf der Zeitschiene erklärt auch, wieso Merkel bis heute stur an der umstrittenen Gesundheitsreform festhält.

Wirklich großartig ist die Passage über Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und die politischen Mavericks. Locker erklärt Roll nebenbei eines der neuen Phänomene der führenden westlichen Demokratien – sie werden fast allesamt von „Außenseitern“ angeführt: der Ostdeutschen Merkel, dem Einwandererkind Sarkozy und dem Schwarzen Obama. Roll bemüht dabei die Erkenntnis der Gehirnforscher, um den Vorteil des Einzelgängers gegenüber dem Kollektiv zu erklären: „Merkel und Sarkozy sind Beispiele dafür, wie man mit dem Blick von draußen Systeme viel besser durchschauen und nutzen kann als diejenigen, die schon immer dabei waren.“ Zum Erfolg gehört in beiden Fällen aber auch, die Grundregel zu beachten: erst einen großen Förderer wie Kohl und Chirac suchen – und ihn dann zum richtigen Zeitpunkt beseitigen.

MARIAM LAU:


Die letzte Volkspartei. Angela Merkel und die
Modernisierung der CDU


DVA, München 2009,
254 Seiten, 19,95 Euro

EVELYN ROLL:
Die Kanzlerin
Ullstein, Berlin 2009,
416 S., 9,95 Euro

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